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"Äch bin wieder da!" - Umstritten:

Hitler als Comic-Figur mit Gurkennase

Frankfurt/Main - "Darf man sich über Nazis lustig machen? Nein. Man muß", behauptet der Frankfurter Eichborn Verlag - und will damit Kritikern seines neuen Hitler-Comics "Adolf, die Nazi- Sau" von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen. Das 72 Seiten starke Bändchen stammt vom Zeichenbrett des Comic-Zeichners Walter Moers ("Das kleine Arschloch", "Käpt'n Blaubär"). Moers läßt in einer absurden Geschichte Hitler nach Jahrzehnten im Untergrund wieder aus der Versenkung auftauchen und erneut sein Unwesen treiben: "Äch bin wieder da!", tönt Hitler, wie eh und je mit Seitenscheitel und Bärtchen verziert.

Hundertprozentig von ihrem eigenen Werbespruch überzeugt waren die Verantwortlichen bei Eichborn zunächst offenbar nicht: Die erste Auflage ging mit einer für Walter Moers "bescheidenen Erstauflage" von 10.000 Exemplaren" ins Rennen, sagt Eichborn-Programmchef Wolfgang Ferchl. "Wir haben schon erwartet, daß sich einige fragen: Darf man das?" Andererseits habe er "nicht gezweifelt, es zu machen". Er sei "sofort beeindruckt gewesen von der Qualität" des Comics. Als dann die erste Auflage innerhalb einer Woche verkauft war, fühlte er sich anscheinend von dem kommerziellen Erfolg bestätigt. Zur Zeit ist bereits die vierte Auflage im Druck.

Kein Tabu bleibt unangetastet

Mit dem harmlosen Seemannsgarn eines "Käpt'n Blaubär" hat die haarsträubende Hitler-Story nichts mehr gemeinsam. Moers läßt in simplen Strichen und Gossenjargon kein Tabu unangetastet. Hitler verprügelt den vermeintlichen Juden Alfred Biolek mit einem Kochlöffel und läßt sein geliebtes Tamagotchi verhungern, als er feststellt, daß es aus Japan stammt ("De Japsen! Älände Verräter!! Wägen zwei läppischen Atombomben wärfen sä das Handtuch!!"). Er läßt sich mit dem ebenfalls wiederbelebten, inzwischen per Geschlechtsumwandlung zur Domina gewordenen, cracksüchtigen "Hermine" Göring auf ein Schäferstündchen ein und verdingt sich in Paris als Chauffeur von Lady Diana und Dodi. Schließlich wird Hitler von Außerirdischen entführt, die ihn mit Mutter Teresa verkuppeln wollen.

Zwar weigert er sich, den roten Knopf für eine Atombombe auf Rußland zu drücken ("Einerseits... ein neuer Wältkräg wäre eine neue Chance... Andererseits...Wältkräg hab' äch schon gemacht, das äst also keine echte Herausforderung"), doch seine faschistische Vergangenheit läßt ihn cholerisch "Die Joden!!" brüllen, als er "Hey Jude" von den Beatles hört, und beim Monopoly-Spielen will er viel lieber KZs als Hotels bauen.

"Lächerlichmachen hat auch etwas Aufklärerisches"

An dem Buch scheiden sich die Geister: witzige Aufarbeitung der Vergangenheit oder flache Verharmlosung Hitlers? Die große Kundennachfrage allein rechtfertigt für Ferchl den Comic angeblich noch nicht. "Dieses Lächerlichmachen hat auch etwas Aufklärerisches", glaubt er. "Wir waren uns klar, daß das Produkt gut und richtig ist." Moers zerschlage Symbole und Ikonen "auf eine sehr bösartige Weise". Der Comic sei keine Vergangenheitsbewältigung, aber auch nicht nur ein Gag. Außerdem könnten die Deutschen "einen kräftigen Schuß Humor verkraften".

Stellenweise geschmacklos findet dagegen Michel Friedman vom Zentralrat der Juden den Band. "Moers hat einen Versuch gestartet, eine gute Satire in Comicform über Hitler zu machen, aber der Versuch ist mißlungen, eine Fehlleistung", sagt er. "Die Verflachung bei Moers wirkt gegen seinen eigenen Anspruch. Wo einem das Lächeln im Hals gefrieren sollte, gefriert es nicht genug. Es müßte den Leser schaudern, daß er gelächelt hat." Dabei habe er durchaus nichts gegen Satire, die sich mit Hitler beschäftige, wie etwa Art Spiegelmanns Holocaust-Comic "Maus". Nur müsse eben die Qualität stimmen."Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn Moers auf den Versuch verzichtet hätte. Das Ergebnis ist nicht gut genug."

Drohungen der rechten Szene

Bezeichnenderweise gefriert anscheinend eher Anhängern der rechten Szene das Grinsen: Per e-mail ließen sie den Verlag wissen, daß er mit dem Comic das Andenken Hitlers in den Schmutz ziehe. "Walter Moers müßte man von der Straße fegen", drohten sie. Autor und Verlag sind daher laut Ferchl "sensibilisiert", wenn besonders dicke Briefumschläge per Post ins Haus kommen.

Inzwischen habe sogar Hollywood Interesse an den bunten Nazi- Bildchen signalisiert. Der Verlag verhandele über eine internationale Koproduktion. Rund 60 Jahre nach dem Krieg und nach Charlie Chaplins Hitler-Parodie in "Der Große Diktator" könnte Adolf im Jahr 2000 erneut von der Kinoleinwand grüßen - als Zeichentrickfigur mit Gurkennase.

Von Nicola Prietze, dpa - Foto: dpa
Geändert am 24.Juli.1998 16:58 von aj
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