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  • 54 Stunden des Schreckens
  • Polizei änderte Einsatztaktik
  • Neue Journalisten-Moral
  • Bremens Innensenator trat zurück
  • "Heute würden 27 Kamerateams den Gangstern folgen"
  • Ein Verbrechen, das vor zehn Jahren das Land in Atem hielt:

    Das Gladbecker Geiseldrama

    Dieter Degowski hält in einem Wagen in der Kölner Innenstadt am 18. August 1988 die Pistole an den Kopf der Geisel Silke Bischoff.

    Düsseldorf - Es war die spektakulärste Geiselnahme und gleichzeitig eines der aufsehenerregensten Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte: Das Gladbecker Geiseldrama hielt vor zehn Jahren, zwischen dem 16. und 18. August 1988, Deutschland 54 Stunden lang in Atem. Aus dem Überfall auf die Sparkassen-Filiale in Gladbeck-Rentfort entwickelte sich ein Szenario, in dessen Verlauf allen Beteiligten - Tätern wie Opfern, Polizei wie Journalisten - die Kontrolle über ihr Handeln entglitt. Am Ende standen drei Tote, zahlreiche Verletzte, Trauer und ohnmächtige Wut, gegenseitige Schuldzuweisungen und der Versuch, aus dem unfaßbaren Geschehen Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen.

    Hätte ein Drehbuchautor vor jenem 16. August 1988 eine Story angeboten, wie sie dann traurige Realität wurde - niemand hätte ihm die vermeintlich überschäumende Phantasie abgenommen. Mit Hans-Jürgen Rösner, damals 31 Jahre alt, und dem zur Tatzeit 32jährigen Dieter Degowski wurden zwei vorbestrafte und in ihrem Leben kaum über das heimische Ruhrgebiet hinausgekommene Männer zu Medienstars.

    Unbehelligt kaperten sie zusammen mit Rösners damaliger Freundin Marion Löblich Autos und in Bremen-Huckelriede sogar einen Linienbus samt Fahrgästen, fuhren mit ihren Geiseln kreuz und quer durch Nord- und Westdeutschland. Im Schlepptau folgten Polizei und Journalisten auf wilder Verfolgungsjagd.

    Geiseln in Todesangst

    Live ausgestrahlte Fernseh- und Radiointerviews des Trios, an seiner Seite Geiseln in Todesangst, ließen die Nation schaudernd an dem Verbrechen teilhaben. Auf fatale Weise unvergessen bleibt die "Pressekonferenz" von Rösner, Degowski und Löblich am Mittag des 18. August 1988 im umlagerten Fluchtauto mitten in der Kölner Innenstadt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Degowski den 15jährigen Italiener Emanuele di Giorgi im Bus erschossen, war ein Polizist bei einem Unfall während der Verfolgung ums Leben gekommen, hatten zahlreiche Menschen Verletzungen oder einen tiefsitzenden Schock erlitten.

    Dramatisches Ramm-Manöver

    Der Fluchtwagen (r.) der Geiselnehmer wurde am 18. August 1988 von einem Mercedes der Polizei auf der A3 bei Bad Honnef gestoppt. Die Geisel Silke Bischoff starb hier durch eine Kugel aus der Waffe des Geiselnehmers Hans-Jürgen Rösner.

    Mit dem dramatischen Ramm-Manöver durch die Polizei auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef und einem wilden Schußwechsel endete das Geiseldrama wenig später. Die 18jährige Silke Bischoff - ihre attraktive Erscheinung war für die Kameras ein besonderer Blickfang gewesen - starb durch eine Kugel aus Rösners Waffe, ihre Freundin Ines Voitele überlebte schwer verletzt.

    Grenzen journalistischer Berichterstattungspflicht

    Die 54 Stunden führten nicht nur zu einem politischen Erdbeben, in dessen Folge in Bremen und Düsseldorf parlamentarische Untersuchungsauschüsse tagten und der Bremer Innensenator Bernd Meyer wegen polizeilicher Fehler zurücktrat. In den Redaktionen der Medien entbrannte eine heftige Diskussion über Grenzen journalistischer Berichterstattungspflicht. Die Polizeibehörden unterzogen ihre Einsatzpläne einer kritischen Revision. Zumindest in einem späteren, vergleichsweise glimpflich verlaufenen Fall - der 42stündigen Irrfahrt zweier Gefängnisausbrecher Ende Oktober 1994 - konnten Behörden und Medien bilanzieren, man habe aus dem Gladbecker Geiseldrama gelernt.

    Interviews kategorisch abgeblockt

    Rösner verbüßt heute eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung, verhängt im März 1991 vom Landgericht Essen, in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Geldern am Niederrhein. Degowski sitzt - ebenfalls zu Lebenslänglich verurteilt - in der JVA Werl (Westfalen) ein. Marion Löblich, sie bekam neun Jahre Haft, ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. Alle Wünsche auf Interviews mit Rösner oder Degowski blockt das nordrhein-westfälische Justizministerium kategorisch ab. Die beiden Geiselgangster sind, wie verlautete, mittlerweile zu keinem Gespräch mit Journalisten mehr bereit.
    dpa - Fotos: AP, dpa
    Gešndert am 11. August 1998 12:49 von aj
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