Im Kittchen ist ein Zimmer frei:Reisende können "Rast im Knast" machenPetershagen - "Wenn man nicht gerade am Wochenende und in den Sommerferien kommt, haben wir hier bei uns im Kittchen fast immer noch ein Zimmer frei." Die junge Frau an der Rezeption des alten Amtsgerichts im westfälischen Petershagen blättert in dem dicken Belegungsbuch für die vier Gefängniszellen, die seit rund zwei Jahren unter dem Motto "Rast im Knast" als Unterkünfte für Reisende vermietet werden. Eine freiwillige Nacht im Kittchen kostet 36 Mark pro Pritsche und schließt ein üppiges Frühstück in der zum Restaurant umgebauten ehemaligen Gefängsniswärter-Wohnung ein.
Mit finanzieller Unterstützung der Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Heimat- und Kulturpflege wurde das alte Gefängnis restauriert. Drei Zweibett-Zellen und eine Zelle mit sechs quietschenden Betten stehen jetzt müden Reisenden zur Verfügung. Großen Komfort darf man nicht erwarten. Neben den Betten befinden sich nur noch ein Tisch, zwei Stühle und ein Spind in den im ersten und zweiten Stock gelegenen Räumen, Toiletten und Waschgelegenheiten gibt es im Keller. Die Zellentüre ist rund zweieinhalb Zentimeter dick und von außen dreifach gesichert. Im Gegensatz zu den Häftlingen früher hat aber jeder Reisende heute einen Schlüssel zur Zelle.
Sträflingskleidung gegen ZusatzgebührDarüber ist auch der zwölfjährige Pascal froh, der an einem Wochenende mit seinem Vater freiwillig eine Nacht hinter Schloß und Riegel in Petershagen verbrachte. "Das wäre schon unangenehm, wenn man nicht selbst bestimmen könnte, wann man die Zelle verlassen will", meint der Junge. Besonders hat ihm gefallen, daß in den Zellen teilweise noch Gedichte oder Sprüche von echten Häftlingen erhalten sind. "Auch der fünfzehn Zentimeter lange Schlüssel für das Gefängnistor, das Guckloch in der Zellentüre und die vergitterten Fenster mit Blick auf die kleine Stadtkirche sind toll", findet der Schüler.Der Petershagener Anwalt und Notar Bernhard Brey ist einer der Mitbegründer des Vereins "Rast im Knast". Er erinnert sich noch an Mandanten, die er wegen kleinerer Delikte im Amtsgericht der 1.200 Jahre alten Stadt verteidigt hat. Nach seinen Worten können Reisende heute gegen eine kleine Zusatzgebühr den eigenen Schlafanzug im Rucksack lassen und statt dessen in schwarz-weiß gestreifter Sträflingskleidung auf die Knastpritsche steigen.
"Knastwinkel" führt in die FreiheitVier Schritte breit ist die karge Zelle. Bevor man eintritt, erfährt man, daß der Raum insgesamt 22,3 Kubikmeter Luft enthält. Bei geöffnetem Fenster genug für zwei Personen und eine Nacht. Der von hohen Mauern umgebene Gefängnishof draußen ist mit Wiese und Klee überwuchert. Von hier aus gelangt der Reisende durch das schwere Tor in die kleine Gasse "Knastwinkel". Von hier aus ist der Weg in die Freiheit dann nur noch ein Katzensprung und in wenigen hundert Metern Entfernung kann man sich im Restaurant "Alte Schmiede" passend zur Unterkunft noch eine "Henkersmahlzeit" bestellen.Von Andreas Rehnolt, AP - Foto: AP
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| Geändert am 19. August 1998 15:48 von aj | |