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"Romy Schneider, Mythos und Leben": Alice Schwarzer (l) und Katja Riemann präsentieren im Hamburger TIK "Romy Schneider, Mythos und Leben" (Verlag Kiepenheuer & Witsch). Die Journalistin Schwarzer, seit 1977 Herausgeberin und Verlegerin der Zeitschrift EMMA, beschäftigt sich darin mit dem Leben der legendären Schauspielerin; Katja Riemannn liest bei der Buchpräsentation die von Romy Schneider stammenden Zitate im Dialog mit der Autorin.

Romy Schneider würde 60 - Mythos wie Sisi

Die unglückliche Kinokaiserin

Romy Schneider ist nicht durch die Bluttat eines Wirrkopfs oder in einer zertrümmerten Limousine ums Leben gekommen. Die berühmteste deutsche Filmschauspielerin nach dem Krieg - am 23. September würde sie 60 Jahre alt - starb in einem Pariser Appartement nachts im Schreibtischsessel an gebrochenem Herzen.

Viele Jahre sind vergangen, seit die Nachricht vom Tod der Sisi-Darstellerin um die Welt ging. Doch die zierliche Frau mit dem bezaubernd reinen Kinogesicht lebt in den Herzen von Millionen weiter. Das macht sie ebenso zur Mythengestalt wie Austrias ermordete Kaiserin und Britanniens verunglückte Prinzessin.

Die "beiden meistbeschimpften
Frauen Deutschlands":
Schneider zu Schwarzer 1976
Als Romy am Pfingstsamstag 1982 tot aufgefunden worden war, gab es Selbstmordgerüchte. Doch der Arzt vermerkte lapidar: "Herzversagen" - medizinisch korrekt. In Wahrheit aber war die gerade 43jährige von all dem Leiden an einer brüchigen Identität, Tablettensucht, Krankheiten und tiefem Kummer nach grausamen Schicksalsschlägen dahingerafft worden.

Daß es so kommen würde, hatte ihre lebenskluge Großmutter, eine Wiener Burgschauspielerin, die selbst 105 wurde, vorausgeahnt: "Wer sich wie sie so hemmungslos von seinen Emotionen, Leidenschaften und Begierden treiben läßt, denkt sicher nicht daran, daß eine Kerze, die man an beiden Seiten anzündet, auch schneller abbrennt..."

Ruhm und Glanz - Die Zeit verrann schnell

Romy Schneiders Zeit verrann so schnell, wie Ruhm und Glanz einst in ihr Leben geeilt waren: An der Seite ihrer filmerfahrenen Mutter Magda stand sie 1953, kaum 15jährig, erstmals für den Streifen "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" vor der Kamera - zusammen mit dem gleichaltrigen Götz George. Rasch folgten weitere Streifen mit Stars wie Lilli Palmer und Hans Albers.

Der sechste Film brachte den Durchbruch: Regisseur Ernst Marischka fand in dem hübschen Teenager die Idealbesetzung für seine verlogen-geschönte Filmserie um die Jugendjahre der 1898 in Genf ermordeten österreichischen Kaiserin Elisabeth. Romy wurde zur bayerischen Prinzessin "Sisi", die sich der Donaumonarch Franz-Joseph zur Gemahlin erkor. Das süße Mädel, mehr Kind als Frau, entzückte in Windeseile Millionen.

Alptraum-Rolle "Sissi"

Doch "Sissi", das ist auch die Traumrolle, die für Romy bald zum Alptraum wird, aus der sie sich befreien muß und von der sie doch bis an ihr Ende nie völlig losgelassen wird. Es sind die 50er Jahre, die Massen schuften hart fürs Wirtschaftswunder, sie haben Sehnsucht nach Idolen, verlangen nach illusionärem Adelsglanz in der nüchternen Republik. Marischka bedient mit "Sisi" diese Bedürfnisse perfekt.

Romy wird zum Idol jener Epoche, und Deutschland ist stolz auf die junge Frau, die in Europas Kinos für Rekordbesuche sorgt. Doch als Romy endlich sie selbst sein will und nach Frankreich in die Arme Alain Delons flieht - ein skrupelloser Frauenheld wie ihr Vater Wolf Albach-Retty -, ist man diesseits des Rheins geschockt, enttäuscht. Ganz wird ihr jene "Flucht" hierzulande nie verziehen.

Für die Grenzgängerin, der das Exil zur zweiten Heimat wird, ist es der Aufbruch in die internationale Karriere. Nun erst kann sie sich zur ernsthaften Schauspielerin entwickeln. Zum Glücksfall wird die Begegnung mit dem italienischen Regisseur Luchino Visconti.

Vom deutschen Film ignoriert, in Frankreich gefeiert

In dessen Pariser Inszenierung des Stücks "Schade, daß sie eine Hure ist" steht sie an der Seite Delons 120 gefeierte Aufführungen lang auf der Bühne. Und wiederum unter der Regie Viscontis, im "Ludwig"-Film, spielt sie ein Jahrzehnt später noch einmal und fernab jeder "Sissi"-Süßlichkeit jene Kaiserin, deren zerrissenes Leben so viele Parallelen zu dem eigenen aufweist.

In den 60er und 70er Jahren dreht die besessene Schauspielerin Film auf Film, sie arbeitet mit bedeutenden Regisseuren wie Orson Welles und Otto Preminger, mit Starpartnern wie Yves Montand und Marcello Mastroianni.

Der deutsche Film hatte Romy Schneider nichts mehr zu bieten, das französische Kino um so mehr. Insbesondere in den Melodramen von Claude Sautet durfte sie die Rollen spielen, die ihr am meisten lagen und ein Biograph charakterisiert hat: "Gebrochene und gleichzeitig starke Frauen, Frauen mit sinnlicher Kraft und Frauen, die manchmal so emanzipiert sind, das sie zum Glück keine Männer mehr brauchen." Sautet, der mit Romy Filme wie "Die Dinge des Lebens" oder "Das Mädchen und der Kommissar" (Szenenfolto mit Michel Piccoli) schuf, hat von seiner Lieblingsdarstellerin gesagt: "Sie war wie ein kleines Mädchen, sie hatte immer große Angst. Damit sie sich sicher fühlen konnte, brauchte sie eine Menge von Liebesbeweisen."

  • Kerze, die an beiden Seiten brennt
  • Die besten Filme der Romy S.
  • Bilanz: zwei Ehen, zwei Scheidungen, zwei Kinder, Affären

    Das war wohl auch der Grund für das bewegte Privatleben einer Frau, die schon früh an der zerbrochenen Schauspielerehe der Eltern litt. Romys Bilanz: zwei Ehen, zwei Scheidungen, zwei Kinder, etliche Affären. Die letzten Lebensjahre wurden von Schicksalschlägen bestimmt, die manchmal gerade jene erleiden, die zuvor die volle Süße des Seins genossen. 1979 nahm sich Harry Meyen, der schwermütig-intellektuelle erste Ehemann, das Leben. Im Mai 1981 - Romy hatte sich gerade für ein Magazin nackt ablichten lassen, und es war zu lesen, ihre Schönheit und ihr Talent wachse von Jahr zu Jahr - wurde ihr eine Niere entfernt.

    Dann war die Kraft verbraucht

    Schlimmer aber war für die körperlich wie nervlich zerrüttete Schauspielerin, daß im Juli desselben Jahres ihr 14jähriger Sohn David Christopher aus der Ehe mit Meyen nach einem grauenvollen Unfall starb. Wenige Monate später war Romys Kraft endgültig verbraucht. Als ihr letzter Lebensgefährte Laurent Petain die Tote im Sessel fand, hielt sie eine handschriftliche Notiz in deutscher Sprache zwischen den Fingern. Darauf stand das, was ihr einst mit auf die Karriere gegeben worden war: "Stecke deine Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was du hast." Romy Schneider ist so wenig vergessen, wie sie je diesen mehrdeutigen Satz ihres Vaters zu vergessen vermochte.
    Wolfgang Hübner, AP - Fotos: AP, Verlag Kiepenheuer & Witsch
    Geändert am 21. September 1998 13:56 von to
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