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Das "Soloalbum" eines Gagschreibers

Britpop, Bier und Liebeskummer

Wer mit 23 Jahren eine Liebesgeschichte mit viel Zeitgeist und Elementen der Popkultur geschrieben hat, muß eigentlich mit dem Etikett "junges Talent" in den Kritiken rechnen. Benjamin von Stuckrad-Barre ist 23, Gagschreiber bei der Harald Schmidt-Show und hat mit seinem Erstling ein solches Buch geschrieben.

Trotzdem mag er keine Etiketten. "Man schreibt weder für noch über irgendwelche Generationen", meint er. In "Soloalbum" erzählt Stuckrad-Barre nach eigener Sicht eine "Liebesgeschichte ohne Liebe".

"Isabell: ist sexy, ein bißchen blöd. Katinka: war mir immer zu schön. Susanne: Studentin, paarmal Sex, ist recht häßlich, aber irgendwie sexy. Hat überhaupt keinen Selbstrespekt (gut)."
Der Ich-Erzähler wird von seiner Freundin verlassen und flüchtet sich daraufhin in eine Welt, in der nur noch seine Meinung zählt. Mit ihm zieht der Leser zum Lästern auf Parties, beobachtet ihn beim Biertrinken und beim Hören von englischer Pop-Musik. Der Erzähler liebt die nackten Schönheiten in der "Bild"-Zeitung wegen der "grotesken Textpassagen", haßt Studenten und erstellt Listen seines "Reserveregiments" an Exfreundinnen: "Isabell: ist sexy, ein bißchen blöd. Katinka: war mir immer zu schön. Susanne: Studentin, paarmal Sex, ist recht häßlich, aber irgendwie sexy. Hat überhaupt keinen Selbstrespekt (gut)."

So zynisch wie sein fiktiver Held ist Benjamin von Stuckrad-Barre selbst nicht. Seit Mai schreibt er Gags für die Harald Schmidt-Show. Jeden Tag liest er dazu stundenlang alles von "Bild" bis zu Jagd- Fachblättern und entwickelt daraus Ideen für neue Witze. "Das ist auch eine Art Müllabladen - abends ist man dann entspannt", sagt er dazu. Prompt wirbt auch der Arbeitgeber Harald Schmidt für das Buch: "Jugend der Welt - kauf dieses Buch und lies es!" In Köln stand Schmidt seinem Schützling schon bei einer Lesung treu zur Seite.

"Isabell: ist sexy, ein bißchen blöd. Katinka: war mir immer zu schön. Susanne: Studentin, paarmal Sex, ist recht häßlich, aber irgendwie sexy. Hat überhaupt keinen Selbstrespekt (gut)."
Der gebürtige Bremer ist froh, nicht mehr als Musikjournalist zu arbeiten: "Ich fand es schrecklich, immer eine Meinung über Musik haben zu müssen - sie kann einfach nur schön sein." Seine Erfahrungen, die er beim Hamburger Magazin "Rolling Stone" gesammelt hat, finden sich in dem Buch als witzige oder bösartige Lästereien über das Musikgeschäft wieder. Mittlerweile steht bei dem Pastorensohn die Harald Schmidt-Show im Mittelpunkt. Vehement verteidigt er den Entertainer: "Absurd, daß man ihm die Polen-Witze als Rassismus vorgeworfen hat."

"Eigentlich sieht Ulrich Meyer so aus wie Roland Kaiser, bloß nicht schnapstrinkend"
Als leidenschaftlicher TV-Kritiker hat Stuckrad-Barre viele Zitate aus dem deutschen Fernsehen verwendet. "Das hat für den Leser einen hohen Wiedererkennungswert", meint er. Für die Fernsehprominenz ist das nicht immer schmeichelhaft: "Eigentlich sieht Ulrich Meyer so aus wie Roland Kaiser, bloß nicht schnapstrinkend", heißt es da etwa.

Stuckrad-Barres Buch soll trotz seines Gespürs für den Zeitgeist "kein cooler Knigge für das Leben Ende der 90er" sein, wie der Autor meint. Stilistisch ist der Roman "Solalbum" irgendwo zwischen "High Fidelity" von Nick Hornby und "Faserland" von Christian Kracht angesiedelt. Nicht alles sei autobiographisch zu verstehen, versichert der Autor: "Wenn ich wirklich nur über mein Leben geschrieben hätte, wäre das Buch viel langweiliger geworden."
Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum
(Kiepenheuer & Witsch, Köln, 246 S., DM 16,90)

Caroline Bock, dpa - Foto: dpa
Geändert am 30. September 1998 15:11 von to
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