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Triumph für die Böhzen Onkelz

Aus dem Abseits in die Charts

 Die "Böhzen Onkelz".

Frankfurt - Marius Müller-Westernhagens "Radio Maria" mit ihrem "Viva Los Tioz" auf Anhieb von Platz eins der deutschen Albumhitparade zu verdrängen, war für die Böhsen Onkelz das "I-Tüpfelchen" auf einem langen Weg der Selbstbehauptung.

So sieht es der Bassist und Texter der Band, Stephan Weidner, und er gibt in der Freude über die schon Mitte September erreichte Goldene Schallplatte im Gespräch schnell zu verstehen, daß er eigentlich keinen Bock hat, lange über das rechts-extreme Stigma zu reden, das der Frankfurter Band seit ihren Teenagertagen anhängt.

Kein Gelaber um rechts und links

"Das Gelaber über rechts und links bringt nichts", sagt Weidner und vertritt die Meinung, daß ein Großteil der rechtsradikalen Klientel Mitläufer seien, die in einer abgestumpften Öffentlichkeit um jeden Preis auffallen und provozieren wollten. Viele davon hätten die Parolen ebensowenig politisch verinnerlicht wie die seinerzeit 17jährigen Onkelz, die in der tristen Hochhaussiedlung Frankfurter Berg ihren Frust mit, wie Weidner heute sagt, völlig schwachsinnigen Texten wie "Türken raus" und "Deutschland den Deutschen" herausschrien. Und zwar den Frust der Zu-kurz-Gekommenen, nicht den überzeugter Nazis.

Von letzteren haben sich die Onkelz mehrfach distanziert, haben nach Mölln und Rostock in Bremen 1993 sogar auf einer DGB-Veranstaltung "Rock gegen Rechts" gespielt. Rechtsradikale, stellt Weidner klar, werden bei Onkelz-Konzerten heute nicht geduldet: "Wir haben kein rechtes Problem."

Mehr als drei Millionen Alben verkauft

Mehr als drei Millionen Alben haben die Onkelz mit ihrer Mischung aus druckvollem Hardrock, provozierenden bis pathetischen Texten bisher verkauft. Der Geschäftsführer ihrer Plattenfirma Virgin, Udo Lange, hat sich nach eigenen Angaben bereits zur Zeit der "Heiligen Lieder" davon überzeugt, daß das Quartett nicht rechtsradikal sei. "Es gab keinen Grund, sie nicht unter Vertrag zu nehmen - es sei denn, man ist feige", sagte er der AP. Auch er bekräftigt, daß Rechtsradikale bei Onkelz-Konzerten "rausfliegen". Den Erfolg der vier sieht er darin begründet, "daß sie sehr ehrlich, sehr unbequem sind und ihre Sache ohne Kompromisse durchziehen".

Die Sache der Onkelz hat einer ihrer Fans mal so beschrieben: "Kaputte Musik für kaputte Leute." Das Pathos ist laut Weidner "aus der Defensive" in die Texte geflossen. Der Name der Band stehe für "Provokation und Rebellion, nicht Ausgrenzung". Die Böhsen Onkelz hätten nicht den Ehrgeiz, "Lieblingsband der Nation" zu werden. Aber mit Mitte 30 habe man auch eine Verantwortung: Provokation um jeden Preis weicht Weidners Hang zu Tiefgründigem. In den spanischen Wortbeiträgen auf dem neuen Album seien einige "Lebensweisheiten" versteckt.

Von Totschlägern und "Lebensweisheiten"

Doch so "kaputt" ist die Musik der Onkelz nicht mehr. "Viva Los Tioz" beginnt mit einem Happy-Music-Instrumental im Surfsound, "Matapalo". Die Band wechselt dann in einen veritablen Hardrock mit einer Art Bekennerlyrik: "Wir tauschten Haß gegen Gitarren/Denn wir sind Onkelz und keine Narren", heißt es im Titelstück. In der Single-Auskopplung "Terpentin" wird "Wer Böses sät/Wird Onkelz ernten" mit dem Refrain "Wir gehen zum Lachen in den Keller/Und trinken Terpentin" ironisch gebrochen.

"Ohne mich" ist dann die neuerliche Distanzierung sowohl von Linken, für die die Onkelz "Faschos" als auch von Rechten, für die sie "linke Verräter" sind: "Antifa - ihr könnt mich mal" heißt es auf der linken Spalte im Booklet. An die "rechte Adresse" richten sie die Worte: "Ihr seid dumm geboren/Genau wie ich/Doch was ich lernte/Lernt ihr nicht...". Doch der "rechten Adresse" werden zugleich auch Prügel angedroht (und "Matapalo" heißt ja auch Totschläger).

"Es leben die Onkelz"

Weidner und seine Band - Gitarrist Matthias Röhr, Sänger Kevin Russell und Schlagzeuger Peter Schorowsky -beweisen auf "Viva Los Tioz" (was "Es leben die Onkelz" heißt), daß sie eine musikalisch ambitionierte Band sind, die bei aller verbalen Kampfbereitschaft auch einfach nur unterhalten will. Die Onkelz experimentieren mit neuen Computertechniken, ohne an rockigem Druck zu verlieren. Die Band will ihren Stil weiterentwickeln, dabei aber zugleich die Erwartungen ihrer Fans erfüllen, die "Onkelz-Pathos" und Mitgrölnummern wollen.

Die Fans aber nur in den Erwartungen zu bestätigen, ist Weidners Wunsch nicht. Und auf dem Karrierehöhepunkt einer Band, deren Erfolg es ist, "Gehaßt, verdammt, vergöttert" (früherer Song- und Albumtitel) zu werden, denken er und Röhr über Soloprojekte nach - um ihre erreichte musikalische Professionalität auch einmal außerhalb des Onkelz-Formats auszuleben. Ein langer Weg für Frankfurter Arbeiterjungs, die "ohne die Sex Pistols nie ein Instrument in die Hand genommen hätten".

(Übrigens: Inzwischen liegt Westernhagen in den am Dienstag (29. September) bekanntgewordenen Media-Control-Charts wieder die zweite Woche in Folge vor den Onkelz, wie ihre Plattenfirma Virgin mitteilte. )

Uwe Käding, AP

Am 7. Oktober beginnen die Böhsen Onkelz in Schwerin eine Tournee durch Deutschland und Österreich. Darüber hinaus werden sie auch in Bozen (28.10.) und Straßburg (30.10.) auftreten.

Geändert am 1. Oktober 1998 14:20 von ar
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