IVWPixel Zählpixel

Herzschlagfinale für Schumacher schon Routine

Auf den letzten Drücker

Stuttgart - Für Michael Schumacher ist ein Herzschlagfinale um den Titel fast schon Routine. Der zweimalige Formel-1-Weltmeister aus Kerpen kämpft am Sonntag in Suzuka bereits zum dritten Mal im letzten Saisonrennen um die Krone. Im Gegensatz zu 1994 und 1997 ist der 29 Jahre alte Rheinländer aber erstmals in der Verfolgerrolle. WM-Spitzenreiter Mika Häkkinen hat vier Punkte Vorsprung. Ebenfalls zum dritten Mal fällt die Entscheidung zwischen einem McLaren- und einem Ferrari-Piloten. Mit Emerson Fittipaldi gegen Clay Regazzoni (1974) und James Hunt gegen Niki Lauda (1976) hatte jeweils der McLaren-Mann triumphiert.

In der 49jährigen Geschichte der Formel-1-WM sind solche "Showdowns" nichts besonderes. Bereits zum 20. Mal entscheidet sich auf den letzten Drücker beim Saisonfinale, wer Champion wird. Seit 1950 spielten sich dabei Thriller und Tragödien mit viel Tricksereien, aber auch Human Touch und Sportsgeist ab.

Schumacher durchlebte vor seinem ersten WM-Gewinn Himmel und Hölle. Beim Großen Preis von Australien in Adelaide am 13. November 1994 prallte der Kerpener mit seinem Benetton in die Betonmauer und von dort auf die Piste zurück. Sein Rivale Damon Hill, nur einen Punkt zurückliegend, kollidierte beim Überholversuch mit dem Deutschen. "Shit, war mein erster Gedanke. Ich flog durch die Luft und befürchtete einen Überschlag", schilderte Schumacher die entscheidenden Sekunden. "Ich hing im Reifenstapel, und das Rennen war für mich aus, während Damon weiterfuhr. Im ersten Moment dachte ich, jetzt ist alles vorbei." Für den Rheinländer begann ein qualvolles Warten, bis er über den Streckenlautsprecher hörte, daß Hill Probleme habe. "Dann fuhr Nigel Mansell erst einmal, dann zweimal und schließlich ein drittes Mal an mir vorbei, aber nicht Damon. Das waren die drei längsten Runden meiner Karriere. Von einem Streckenposten erfuhr ich dann, daß ich Weltmeister bin."

Der "Rammstoß von Jerez"

Ein übler Rammstoß Schumachers entschied auch die WM im Vorjahr am 26. Oktober im spanischen Jerez: Als Jacques Villeneuve in der 48. Runde vorbeiziehen wollte, knallte der erneut mit einem Punkt führende Ferrari-Star dem Williams zweimal mit voller Wucht in die Seite. Während Schumacher danach ins Kiesbett trudelte, brachte der Kanadier sein beschädigtes Fahrzeug auf Rang drei ins Ziel und war Weltmeister. "So spät, wie Jacques da gebremst hat, wäre er wahrscheinlich ohne mich ins Gras gefahren", kommentierte der Kerpener "Rambo" zynisch und unsportlich Stunden später seine Attacke. Erst nach heftiger öffentlicher Kritik räumte Schumacher zwei Tage später sein Fehlverhalten ein. Eine Reue, die Sanktionen nicht mehr verhinderte: Das Berufungsgericht des Internationalen Automobilverbandes FIA disqualifizierte den Deutschen nachträglich und strich ihn aus der WM-Wertung.

Richtig dramatisch wurde es erstmals 1956: Juan Manuel Fangio, scheinbar sicher zu seinem vierten Titel unterwegs, blieb in Monza mit seinem Ferrari liegen. Damit schien der Weg für seinen britischen Konkurrenten Stirling Moss frei, der das Rennen anführte. Peter Collins bot jedoch seinem Teamkollegen Fangio gentleman-like sein Auto an. Der Argentinier wurde dadurch Zweiter und holte erneut die WM-Krone. Wagenwechsel waren damals noch erlaubt. "Ich habe noch so viel Zeit für den Titelgewinn", verteidigte der 25 Jahre junge Collins seine noble Geste.

Brabham schob Auto über die Ziellinie

Moss war auch 1958 der Unglücksrabe: Der Engländer schaffte zwar den notwendigen Sieg in Marokko, "vergaß" aber die ebenfalls zum WM-Gewinn nötige schnellste Rennrunde, für die es damals noch einen Punkt gab. Moss hatte das Boxensignal falsch verstanden. So war der Weg für seinen Landsmann Mike Hawthorn dank Schützenhilfe von dessen Ferrari-Teamkollegen Tony Brooks frei. Brooks kostete ein Jahr später in Watkins Glen (USA) sein Glauben die greifbar nahe WM-Krone. "Der liebe Gott verbietet es, sein Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen", begründete der Engländer, weshalb er nach einem Unfall die Box zum Check angesteuert hatte. Der Australier Jack Brabham wurde Weltmeister, nachdem er seinen Cooper mit leerem Tank die letzten Meter eigenhändig über die Ziellinie geschoben hatte.

Mit britischem Humor reagierte Graham Hill auf seinen Titelverlust 1964. Zu Weihnachten schenkte er dem Italiener Lorenzo Bandini, der ihn beim Finale in Mexiko "abgeschossen" hatte, das Buch "Wie lerne ich sicheres Autofahren". John Surtees wurde dank Bandinis Rammaktion Champion. Happy end für Hill dafür vier Jahre später: Dennis Hulme warf ein brennendes Auto, Jackie Stewart eine defekte Benzinpumpe aus dem WM-Rennen - Hill holte seinen zweiten Titel.

Lauda verzichtete

Bei Niki Lauda siegte 1976 die Vernunft über die Verlockung, den Titel zu verteidigen. Noch unter dem Eindruck seines dramatischen Feuerunfalls auf dem Nürburgring stehend, verzichtete der Österreicher wegen des strömenden Regens im japanischen Fuji auf den Start. James Hunt schaffte dank Schützenhilfe den zur WM notwendigen dritten Platz. Lauda wies dann 1984 bei seinem dritten Titelgewinn seinen jungen Teamkollegen Alain Prost in Portugal mit einem halben Pünktchen Vorsprung in die Schranken.

Für Prost schien 1986 in einer vergleichbaren Situation die Sonne: Der Franzose blieb in Adelaide lachender Dritter, als Williams wegen des Verzichts auf eine Stallregie den Titel leichtfertig verspielte. Nigel Mansell hätte ein dritter Platz gereicht, doch der Heißsporn fuhr auf dem "reifenfressenden" Kurs voll auf Sieg. Ein geplatzter Hinterreifen kurz vor dem Ziel bei über 300 km/h ließ auch seinen WM-Traum platzen. Teamkollege Nelson Piquet, der daraufhin neue "Gummiwalzen" holte, konnte Prost im Schlußspurt nicht mehr einholen.

Elmar Dreher, dpa
Geändert am 27. Oktober 1998 15:34 von jp
Navigations-Seite: RZ-Online auf einen Blick Alles zur Fußball-Bundesliga Alles zur Formel 1 Aktuelle Agenturmeldungen zum Sport Leserbrief schreiben Zur Homepage Sport-Homepage von RZ-Online Navigations-Seite: Alles auf einen Blick Zum Anfang dieser Seite und zu weiteren Links Leserbrief schreiben Zur Homepage