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Die "Münchener Freiheit" verliert ein "e"

München - Knapp 160 Münchner Bürger müssen demnächst ihre Adresse ändern, ohne daß sie umgezogen sind: Nach der Umbenennung des Platzes "Münchener Freiheit" in "Münchner Freiheit" brauchen sie neue Visitenkarten, Briefbögen und Stempel. Was für die einen wie eine Posse klingt, ist für die anderen eine notwendige Anpassung an den Sprachgebrauch und hat für die Stadtverwaltung einen ernsten Hintergrund. Es gab einen Antrag einer Bürgerin und entsprechende Beschlüsse von Bürgerversammlung und Bezirksausschuß.

Das "e" des Anstoßes (rot umrandet).

"Als Verwaltung müssen wir uns nach dem Willen der Bürger richten und den Beschluß umsetzen", sagt Herbert Grafwallner, der in der Stadtverwaltung für die Straßennamen zuständig ist. "Das ist kein Faschingsscherz!" Ein "Schmarrn" (oder "Schmarren"?) ist die Umbenennung dagegen für Charly Eisenrieder, Inhaber des Cafes "Münchener Freiheit". Er muß jetzt seine Logos, Speisekarten und die Leuchtreklame schrittweise ändern und erwartet dafür einen "enormen Kostenaufwand". Ins Geld geht für ihn auch die Reservierung von zwei Internet-Adressen, einmal mit und einmal ohne "e". "Es gibt wichtigere Probleme in München", meint er.

Bisherige Schreibweise "etwas künstlich"

Mit "großen Beträgen" rechnet auch Kajetan Dürr, der für Straßenschilder zuständige Leiter des Münchner Vermessungsamtes. Auch wenn die Umbenennung nach dem Beschluß vom 29. September längst offiziell ist, sind die Schilder an der "Münch(e)ner Freiheit" noch nicht ausgetauscht. "Wir müssen ja nicht mit Gewalt jedes Schild sofort abmontieren", sagt Dürr und spricht von einer "etwas kuriosen Geschichte". Zugleich räumt er ein, daß die bisherige Schreibweise "schon etwas künstlich klingt".

Auch der Verkehrsverbund wird die Fahrpläne und Schilder an den U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen nach und nach austauschen. Über die Kosten gibt es keine Schätzung. Die Stadtwerke werden den U-Bahnhof mit neuen Schildern ausstatten. Der Platz in Schwabing, der bis 1946 Feilitschplatz hieß, wurde zum Gedenken an Widerstandskämpfer im Dritten Reich umbenannt.

"Münchner Merkur" im "Münchener Zeitungsverlag"

Die Schreibweisen der bayerischen Landeshauptstadt gehen wild durcheinander: So gibt es die "Münchener Wach- und Schließgesellschaft", während sich die Kabarettgruppe "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" nennt. Der "Münchner Merkur" erscheint kurioserweise im "Münchener Zeitungsverlag". Schlüsseldienst und Golf-Club schreiben sich mit "e", während Drachenflugschule, Getränkedienst und Kammerorchester ein "Münchner" vor den Namen setzen. Es gibt die "Münchner Bank" und die "Münchener Hypothekenbank". Letztere denkt auch nicht an eine Umbenennung. "Das ist kein Problem, das uns unter den Nägeln brennt", betont ein Sprecher.

Die "Münchener Rück", die sich seit 1880 so nennt, erwägt ebenfalls keine Namenskorrektur. "Auch wenn man den Namen schnell ausspricht, kann man das 'e' immer ein bißchen heraushören", versichert ein Sprecher der weltweit größten Rückversicherung, deren internationale Schreibweise "Munich Re" konfliktfreier ist.

Der Duden kennt beides

Aber was stimmt nun und was ist nicht korrekt? Der Duden kennt beides, setzt das "e" aber in eckige Klammern. "Es ist reine Gefühlssache", meint Helmut Stahleder, Direktor des Stadtarchivs München. "Beides ist richtig, und beides ist nicht falsch." Zwar heiße die Stadt nicht "Münchn", räumt er ein, verweist aber auf die Schreibweise eines großen Kreditinstituts: "Die heißen auch Dresdner Bank." Hartmut Laufer vom Institut für deutsche Philologie in München hält "Münchener" für die offizielle Bezeichnung, während sich das umgangssprachliche "Münchner" immer mehr durchsetzen werde. "Irgendwann taucht das 'e' dann nirgends mehr auf."

Popgruppe heißt weiter "Münchener Freiheit"

Vorerst keine Auswirkungen hat die Umbenennung des Platzes "Münchener Freiheit" für die gleichnamige Popgruppe. "Solange an unserem Namen noch kein Bürgerausschuß arbeitet, bleiben wir natürlich bei unserem Namen. Sonst müßten wir am Ende noch unsere ganzen alten Plattencover umdrucken", sagt Sänger Stefan Zauner im Interview der "Süddeutschen Zeitung". Für ihn klingt die ganze Diskussion sowieso danach, "als hätte es sich ein Komiker ausgedacht".
Von Harry Luck, AP
Gešndert am 25. November 1998 15:53 von aj
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