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Wenn Statistiker alle Register ziehen wollen:

Neue Volkszählung im Jahr 2001

Trier - Den Deutschen steht im Jahr 2001 eine neue Volkszählung ins Haus - aber diesmal soll alles ganz anders sein. Hinter den Kulissen streiten Fachleute schon darüber, wie der Zensus organisiert werden soll, während die Zählung in der Bevölkerung bisher noch kein Thema ist. Sicher ist nur, daß es eine Volkszählung wie 1987 nicht mehr geben soll. Eine solche klassische "Totalerhebung", bei der Hunderttausende von Helfern mit Fragebögen jeden Haushalt aufsuchen, gilt als zu teuer und als von zu vielen Deutschen nicht akzeptiert. Politiker, Statistik-Ämter und Wissenschaftler diskutieren, mit welcher Methode am besten vorzugehen sei.

Anklicken zum Vergrößern Das Bundesinnenministerium will die Daten auf der Grundlage von Melderegistern, Dateien der Bundesanstalt für Arbeit, Statistiken anderer Behörden und einem Mikrozensus - also einer Mini-Zählung - zusammentragen. Der Trierer Statistikprofessor Walter Krug, Leiter einer Arbeitsgruppe der Deutschen Statistischen Gesellschaft (Berlin) zur wissenschaftlichen Begleitung des Zensus 2001, kritisiert das Bundesmodell dagegen als "nicht aussagekräftigen Torso hinsichtlich der regionalen Daten, mit dem wir uns in der EU blamieren werden". In den Registern seien zahlreiche notwendigen Angaben, etwa zu Wohnungen und Haushalten, nicht enthalten. Neben einer registergestützten Zählung plädiert die Mehrzahl der Statistischen Landesämter für eine zusätzliche totale Gebäude- und Wohnungszählung. Kosten nach Schätzung der amtlichen Statistiker: Statt 35 Millionen etwa 390 Millionen Mark.

Bevölkerung und Wohnungen in der EU

In allen 15 EU-Ländern müssen wegen eines Gemeinschaftsbeschlusses um die Jahrhundertwende die Bevölkerung und die Wohnungen gezählt werden. Die anderen EU-Partner haben bereits genaue Pläne, alleine Deutschland verweist in internen Dokumenten bislang lediglich auf ein Konzept, das man noch erarbeiten wolle. "Das Bundesmodell ist der Versuch, mit möglichst geringem Aufwand die Forderung der EU zufriedenzustellen", sagt Peter-Theodor Wilrich, Vorsitzender der Deutschen Statistischen Gesellschaft.

Der Datenbedarf sei damit aber für ganze Politikfelder nicht zu decken. Randgruppen, Hausfrauen oder Selbständige würden beispielsweise überhaupt nicht erfaßt. Der vorgesehene Mikrozensus, der jedes Jahr Daten von einem Prozent der Haushalte liefert, bringe keine Zahlen auf kommunaler Ebene, sondern mache an den Grenzen der Regierungsbezirke halt. Das ist nicht unproblematisch, wenn man Geld aus den EU-Kassen haben möchte. "Ohne regionale Daten sieht es etwa beim regionalen EU-Strukturfonds böse für uns aus", sagt Krug.

Erhebliche Kosten

"Der Grunddatenbestand wird nicht allen Wünschen der Kommunen gerecht werden, aber er gibt einen Überblick über die gesamte Bevölkerung", sagt der Präsident des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden, Johann Hahlen. Anders als Wilrich ist er zuversichtlich, den Zensus bis 2001 über die Bühne zu bringen. Die Innenministerkonferenz hatte Ende Oktober festgestellt, daß das "Ländermodell" den Informationsbedarf der EU, der Länder und Gemeinden besser als das "Bundesmodell" erfülle, jedoch die Umsetzung des "Ländermodells" mit erheblichen Kosten verbunden sei.

"Wir haben noch keine Erfahrung damit, was aus den Registern für die Statistik zu gebrauchen ist", sagt Krug. Anders als bei den Skandinaviern und Niederländern etwa, die bereits seit Jahren mit Registern zählen, könnten die Daten aus deutschen Registern und Dateien nicht problemlos zusammengeführt werden. Hinzu komme, daß in den neuen Bundesländern, in denen es die letzte Volkszählung 1981 gab, zu DDR-Zeiten Daten mit anderen Abgrenzungen und Methoden erhoben worden und damit nicht einfach übertragbar seien.

Vor dem Hintergrund der Wiedervereingung Deutschlands wäre daher nach Ansicht von Wilrich nochmals eine letzte klassische Zählung sinnvoll: "Auch wenn dies anderthalb bis zwei Milliarden Mark kosten würde, es wäre eine einmalige Grundinventur, die eine solche Grundlage für anschließende Registerauswertungen sein könnte." Am 19. und 20. April werden Statistiker aus den EU-Staaten, den USA und Israel auf einer Tagung unter Leitung von Krug in Trier über Probleme der Datenerfassung und Registerzusammenführung diskutieren.

Von Birgit Reichert, dpa - Archivfoto: dpa
Geändert am 4. Januar 1999 16:23 von aj
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