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"Old Nobody": Hamburger Gitarrenpop-Band Blumfeld

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Spiel ohne
Grenzen

Die Musik der Hamburger Band Blumfeld wurde seit Erscheienen ihres 1992er Debütlbums "Ich-Maschine" wahlweise bewundernd oder abfällig als Diskurspop bezeichnet. Doch auch wenn die "Format-Radios" sie beharrlich ignorierten und einige Feulletonisten sie ebenso beharrlich und verschreckend lobten - Blumfeld schaffte sich hinauf in den kleinen Olymp des deutschsprachigen Gitarrenpop.

Nun legen Jochen Distelmeyer und Co - nach fast vier Jahre Plattenpause - mit "Old Nobody" ein neues Werk vor, das gerade wegen seines glatteren Oberfläche provoziert.

Anfang der Neunziger gab es plötzlich wieder gänzlich unpeinliche Musik mit deutschen Texten von Mittzwanzigern für Mittzwanziger, die zugleich hart und Pop war, sowohl hörbar als auch irgendwie bedeutsam. Solche Gitarrenriffs und solchen Gesang hatte man seit dem legendären Album "Monarchie und Alltag" der Düsseldorfer Band Fehlfarben hierzulande selten gehört. Blumfeld, gegründet von Eike Bohlken und Andre Rattay, die früher als Der Schwarze Kanal musizierten, und dem Sänger und Gitarristen Distelmeyer, waren zwar nicht die ersten, blieben aber, auch im Umfeld der regen Hamburger Szene, einmalig und wiedererkennbar.

NDW-Einfluß gab "Starthilfe"

Die Trio-Besetzung Gitarre, Baß, Schlagzeug roch nach Punk, die Einflüsse der Neuen Deutschen Welle waren in Text und Ton spürbar wie das abgewandelte Fehlfarben-Zitat "Geschichte wird gemacht - und macht mich krank", doch der Titel zum Song, aus dem dieses Zitat stammt, ist von Alexander Kluge geborgt: "Der Angriff der Gegenwart auf meine übrige Zeit." Doch intellektuelle Verquastheit ist ihnen - wenn überhaupt - nur im Spiegel der Hermeneutik-Übungen einiger übereifriger Kritiker vorzuwerfen.

Anklicken zum Vergrößern Den intellektuellen Kontrapunkt markiert dann ein ganz anderes Zitat: "Deutschland Deutschland spürst Du mich, heute Nacht da komme ich über dich.", das in dem Sprechstück "L'Etat Et Moi" vom zurecht gefeierten gleichnamigen Album auftaucht und in diesem Kontext gar nicht mehr nach dem NDW-Schlager "Ich will Spaß" klingt, dem es entstammt, sondern eher besorgniserregend.

Distelmeyer: "Habe uns schon immer als Popband gesehen"

Wie im Text sind Blumfeld in der Musik nie stehengeblieben, und das scheinbar Naheliegende ist oft weniger relevant als vermutet, das vermeintlich Abwegige oft selbstverständlich. Auf "Old Nobody" ist dies offenkundiger denn je: Wo zuvor schlicht-schönes Gitarrenhandwerk waltete, taucht nun unvermittelt subtile Elektronik auf, mit Keyboardflächen und Computerbeats. Daß manche Hörer dies als Schock empfinden mögen, findet Distelmeyer "bedauerlich und es verwundert mich ein bißchen. Ich kann das natürlich auch verstehen, aber so war das nicht angelegt. Viel verändert hat sich - außer, daß da zwei neue und wichtige Leute mit in der Band sind - eigentlich nicht. Es ist immer noch die selbe Art der Komposition. Ich habe uns eigentlich immer schon als Popband gesehen. Und bei 'Old Nobody' ging es eigentlich nur darum, dieselben Stücke auf eine andere Art und Weise in Szene zu setzen."

Vom Punk-Trio zum Pop-Quartett zum...?

Das heißt aber nicht, daß Blumfeld jetzt - nach der Umbesetzung vom Punk-Trio zum Pop-Quartett mit Bassist Peter Thiessen, der den 1996 ausgeschiedenen Bohlken ersetzte und Keyboarder Michael Mühlhaus - musikalisch komplett wären: "Nö, wir sind nie komplett, das geht immer weiter. Aus einer neutralen Perspektive stellt 'Old Nobody' keinen Bruch, keine Abkehr von etwas dar. Es gibt nichts, was so anders wäre, daß jetzt endlich diese Band zu sich gekommen wäre. Anklicken zum Vergrößern Was den Pop-Charakter qua Sound betrifft, habe ich die Band eigentlich schon immer so verstanden und mein Anteil, Songs zu schreiben, stand immer unter diesen Einflüssen, die für einige jetzt mit diesem Album offenkundig zu werden scheinen, wie etwa ABC, Scritti Politti, Michael Jackson, Robert Palmer, Grace Jones, Chris Rea, also das System kennt in dem Zusammenhang wirklich keine Grenzen. Der Umkehrschluß, daß das Postpunk/Rockidiom ausgedient hätte, ist aber genausowenig zutreffend. Letztlich sind Blumfeld nach eigenem Bekunden nie eine Rockband gewesen, auch wenn es Rockmusik gibt, die ich gut finde und ich auch Bock hab, unsere rockigeren Stücke weiter live zu spielen und auf der nächsten Platte wieder ein oder mehrere Rock-Stücke zu spielen."

Tournee und geheimnisvoller "Blumfeld-Rave"

"Tuning und Soundcheck funktioniert doch sowieso nicht" hieß es in dem frühen Song "Anderes Ich", aber in Zukunft soll es auch bei Live-Konzerten wohlklingender zugehen, sagt Distelmeyer: "Also wir haben jetzt gerade mal eine Woche Zeit zum Proben und wollen eigentlich alle Stücke von der neuen Platte spielen und alle von den alten (lacht!), aber bei den ersten Dates von Januar bis März wird das noch nicht so Grateful-Dead-mäßige Ausmaße annehmen.

Tourdaten:

25.1. Wuppertal (U-Club), 26.1. Darmstadt (Cafe Kesselhaus), 27.1. Reutlingen (Zelle), 28.1. Augsburg (Kerosin), 29.1. Halle (Casino Böll), 30.1. Potsdam (Waschhaus), 1.2. Lübeck (Treibsand).
Bei den letzten Shows haben wir auch immer so zweieinhalb Stunden gespielt, und mit der nächsten Platte hatten wir uns eigentlich vorgenommen, irgendwann mal im Laufe eines Jahres einen Blumfeld-Rave zu veranstalten, aber das ist noch ein Geheimnis. Es entscheidet sich auch daran, ob wir das überhaupt packen. Jetzt spielen wir alle Stücke von der Neuen und eine Art Best of, und versuchen, auch die alten Stücke so nah wie möglich auch mit Michael zu spielen. Damit noch mehr klar wird, inwieweit in den alten Sachen dieses neue Material immer schon enthalten war, und im Neuen auch das Alte immer noch drin ist."
Christian Arndt, AP
Geändert am 22. Januar 1999 11:34 von to
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