. . . 5000 Jahre eines zärtlichen Rituals
Angeblich AlkoholkontrolleIn Mesopotamien, 3000 Jahre vor Christi Geburt, fing das Küssen als soziale Sitte an. Diese Erkenntnis verbreitet der amerikanische Zahnpasta-Hersteller Colgate-Palmolive, der ein wenig Werbung für das Küssen machen will - und zugleich auf gute Umsätze seiner Mundhygiene-Artikel hofft. Damals, im alten Osten, begannen die Gläubigen, ihre Götterstatuen mit einem Kuß zu ehren. Im Mittelalter breitete sich das Küssen dann auch in Europa aus. Angeblich steckte eine Art Alkoholkontrolle bei Hofe dahinter: Die Ritter wollten herausfinden, ob ihre Ehefrauen geistigen Getränken zugesprochen hatten, während sie auf Kreuzzug waren. Aber das ist nur eine kulturhistorische Vermutung.
Immer wieder beschränkt oder gar verbotenTatsache ist hingegen, daß Küssen im Mittelalter nicht auf die leichte Schulter genommen wurde. Taten es im früheren Italien ein Mann und eine Frau öffentlich, mußten sie heiraten. Immer wieder wurde Küssen beschränkt oder gar verboten: zum Beispiel in London um 1665, als gerade die "Große Pest" wütete und jeder Kuß lebensgefährlich sein konnte. Statt dessen übten sich die Engländer zur Begrüßung in Gesten mit geringerer Ansteckungsgefahr: winken, sich verbeugen oder an den Hut tippen. Vielleicht ist das der Grund, warum man auf den britischen Inseln noch immer eine eher distanzierte Zärtlichkeit pflegt, während jeder, der schon einmal in Frankreich, Italien oder auch in München zu Gast war, den nähesuchenden Wangenkuß - "Bussi, Bussi" - kennt.
Gesundheitliches Risiko?Auch heute spricht einiges dafür, Küssen als gesundheitliches Risiko anzusehen. Millionen Bakterien wechseln dabei den Besitzer, zumal wenn die Lippen auf dem Mund des Partners landen. "Parodontose-Gefahr" warnte erst kürzlich die Ärztekammer in Berlin. Denn Zahnfleisch-Entzündungen beruhten in erster Linie auf einer bakteriellen Infektion, die durch Küssen gefördert werde. Regelmäßige Zahnpflege könne der Krankheit aber vorbeugen.Beruhigend äußert sich auch der Virologe Günther Maas aus Münster. "Die Infektionsgefahr beim Küssen ist im allgemeinen vernachlässigbar." Nur wer etwa eine akute Herpes-Erkrankung mit sich herumtrage, sollte Lippenkontakt besser meiden. Tatsächlich gibt es eine Menge Studien, die dem Küssen sogar positive Kraft zusprechen: Wer viel küßt, lebt fünf Jahre länger als Kuß-Abstinenzler, wollen amerikanische Forscher 1994 nach Langzeituntersuchungen herausgefunden haben. Ihren Erkenntnissen zufolge produziert der Körper beim Küssen chemische Substanzen, sogenannte Neuropeptide, die das Immunsystem aufpeppen.
"Besser als Aspirin und Valium""Küssen und Streicheln wirken besser als Aspirin und Valium" haben deutsche Wissenschaftler ebenfalls bestätigt. Die Glücksgefühle, die bei einer sanften Berührung oder einem Kuß entstehen, lassen den Menschen regelrecht "high" werden. Hormone tosen durch den Körper, der Zellstoffwechsel kommt auf Touren, die Haut strafft sich, der Teint wird rosa. Wer es bisher noch nicht wußte: Küssen tut gut.Doch Kuß ist nicht gleich Kuß. Da gibt es "feuchte Tantenküßchen", wie der Literaturwissenschafler Otto F. Best in seiner "Biographie des Kusses" (S. Fischer-Verlag 1998, 48 Mark) schreibt, und den berühmten "ersten Kuß". Den kaum liebgemeinten Judaskuß und den sozialistischen Bruderkuß, den zärtlichen Stirnkuß und den wollüstigen Zungenkuß, den Hand-, den Fuß-, den Gute-Nacht- und den Puste-Kuß. Und sogar den virtuellen Kuß im Internet ("http://www.thekiss.com").
Eine Frage der ZuneigungWelcher davon ist der richtige, welcher der beste? Die vielfach verheiratete Schauspielerin Zsa Zsa Gabor weiß zumindest eines: "Man braucht viel Erfahrung, um wie eine Anfängerin küssen zu können." Die 45jährige Cornelia Waliszewski aus dem Landkreis Harburg sagt schlicht: "Auf ihre Art sind alle Küsse schön" - man müsse den betroffenen Menschen nur gern haben. Es ist also eine Frage der Zuneigung.Vielleicht aber nicht einmal das: Vor zwei Jahren rettete eine Psychologin in Spanien einen Lebensmüden vor dem Sprung in den Tod. Wie es hieß, wollte sich der junge Mann aus Liebeskummer von einer Brücke stürzen. Die Polizei hatte den Ort umstellt, aber alles gute Zureden half nichts. Da bat die herbeigerufene Psychologin den jungen Mann um einen Kuß. Er umarmte die Frau - und ließ sich abführen. Von Frank Rumpf, gms - Archivfoto: dpa
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| Geändert am 3. Februar 1999 13:53 von aj | ||||