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Daviscup gegen Rußland

"Schwarzer Sonntag" im Hinterkopf

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"Wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht."  

Frankfurt/Main - Den "schwarzen Sonntag" von Moskau haben sie alle irgendwie im Hinterkopf: Es geht auch um ein Stück Vergangenheitsbewälti-
gung, wenn Tommy Haas und Nicolas Kiefer zum Auftakt des Daviscup-"Ostergipfels" am Karfreitag gegen Rußland in Frankfurt zu ihren Einzeln gegen Jewgeny Kafelnikow und Marat Safin antreten.

Die "jungen Wilden" wollen Wiedergutmachung für das, was die Helden von einst am 24. September 1995 in den tiefen roten Sand der Moskauer Olympiahalle setzten. "Das war die schwärzeste Stunde des deutschen Nachkriegstennis", klagt Dr. Claus Stauder, der damalige Präsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB): "Diese neun Matchbälle von Michael Stich haben uns das Final-Heimspiel gegen die USA und damit zehn Millionen Mark gekostet."

"Ich habe nicht gewußt, wie grausam Sport sein kann"

Michael Stich scheiterte im entscheidenden letzten Einzel an Andrej Tschesnokow, obwohl die Deutschen dank eines Traumstarts von Becker und Stich am ersten Tag bereits mit 2:0 geführt hatten. "Dieses Spiel wird mich als Tennisspieler und Mensch immer prägen. Ich habe nicht gewußt, wie grausam Sport sein kann", sagte der völlig aufgelöste Stich seinerzeit nach dem über vierstündigen Match. Und Boris Becker, der am Abschlußtag wegen einer Verletzung nicht angetreten war, ergänzte voller Mitleid: "So etwas wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht."

Statt der einkalkulierten Millionen flossen die Tränen, statt Finaleuphorie herrschte Untergangsstimmung. "Die finanziellen Einbußen waren enorm. Im Finale wären wir damals auf die USA mit Andre Agassi und Pete Sampras getroffen, damit hätten wir unserem Publikum vier Wimbledonsieger präsentiert", erinnert sich Ex-Präsident Stauder. Pro Matchball setzte Stich eine Million Mark neben die weißen Linien. Ein Fauxpas, an dem der mit rund 2,2 Millionen Mitgliedern drittgrößte deutsche Fachverband noch 43 Monate später zu knabbern hat - in erster Linie in finanzieller Hinsicht.

Beginn einer neuen Ära

Der folgenschweren Pleite von Moskau soll jetzt die Revanche folgen, die für das erfolgshungrige deutsche Quartett nach dem Viertelfinal-Aus 1998 in Hamburg gegen Schweden (2:3) eine neue Ära einläuten soll. "Rußland ist schon eine harte Nuß, aber wir werden fighten bis zum letzten Atemzug. Ich will den Daviscup irgendwann einmal gewinnen, am besten schon dieses Jahr", betonte Tommy Haas, der am Ostersamstag 21 Jahre alt wird.

3:4 lautet die deutsche Daviscup-Bilanz gegen die Russen, in diesem Jahrzehnt steht sie bei 1:2. Dem Auftaktsieg 1993 in Moskau, als der damals gerade 19 Jahre alte Nobody Jewgeny Kafelnikow seinen Kollegen in ausgewaschenen Shorts und T-Shirt noch als williger Sparringspartner zur Verfügung stand, folgten die Halbfinal-Niederlagen 1994 in Hamburg und 1995 in Moskau.

"Ein Spiel auf des Messers Schneide"

Teamchef Becker, der mit "Spezi" David Prinosil im Doppel antreten wird, prophezeit "ein Spiel auf des Messers Schneide" und richtet sich auf einen "erhöhten Herzschlag" ein. Auch nach den Daviscup-Triumphen von 1988 und 1989 sowie dem von 1993, an dem er nicht beteiligt war, ist der 31jährige trotz seines angekündigten Rücktritts Mitte des Jahres "heiß" auf den Pokal: "Du bekommst plötzlich nasse Hände und eine Gänsehaut, weißt aber nicht, warum. Das ist Daviscup." Auch Haas ist schon auf den Geschmack gekommen: "Wenn ein Boris Becker aufsteht und mir applaudiert, kriege ich Gänsehaut. Es ist eine Ehre für mich, Daviscup zu spielen."

Bei einem möglichen Viertelfinaleinzug würde Becker vom 16. bis 18. Juli im Auswärtsspiel gegen Cupverteidiger Schweden oder die Slowakei wohl erneut zur Verfügung stehen. "Klar wird er spielen. Es drängt sich im Doppel einfach keine Alternative auf", sagt Teamkapitän Carl-Uwe Steeb. Der Schwabe ist nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Erfolge von Haas und Kiefer optimistisch: "Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Das Heimrecht beschert uns einen kleinen Vorteil. Kafelnikow ist schlagbar, und Safin muß noch einen Zahn zulegen, um gegen unsere Jungs zu gewinnen." Im Doppel treten die Russen voraussichtlich mit Kafelnikow und Andrej Olhowsky an. "Kafelnikow muß also dreimal ran, das ist ein Nachteil für die Russen", sagt Steeb.

Kafelnikow hat mehr Angst vor Haas

Große Hoffnungen setzt der Teamkapitän auf Tommy Haas. In seinen bisherigen vier Daviscup-Einzeln blieb der Bollettieri-Schüler ebenso ungeschlagen wie beim Gewinn des Peugeot World Team Cups 1998 in Düsseldorf. Für Deutschlands Nummer eins hat das Match gegen den Australian-Open-Sieger und Weltranglisten-Dritten Kafelnikow eine ganz pikante Note: "Ich will Revanche für meine Niederlage im Halbfinale von Melbourne. Ich weiß jetzt, wie ich Kafelnikow schlagen kann."

Der Russe, dem vor knapp drei Wochen ein einziger Sieg zur Nummer eins der Weltrangliste fehlte, blickt dem Duell gelassen entgegen. "Haas wird mich nicht schlagen, ich muß eher auf Kiefer aufpassen. Prinzipiell hat er das größere Potential", so der 25jährige aus Sotschi. Sein Partner Marat Safin, dem Becker eine rosige Zukunft prophezeit, träumt sogar vom großen Wurf: "Es wird Zeit, daß wir endlich mal den Daviscup gewinnen." Zweimal standen die Russen bisher mit Heimvorteil im Finale: 1994 scheiterten sie an Schweden, 1995 an den USA.

Ulrike Lange, sid - Foto: Reuters

Geändert am 31. Maerz 1999 16:06 von jp
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