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Mit Räucherstäbchen und Hammondorgel ins Jahr 2000

Kula Shaker auf den Spuren der Hindus

Anklicken zum VergrößernWürden CDs Gerüche speichern, wäre der Raum beim Abspielen von "Peasants, Pigs And Astronauts" von einer süßlich-schweren Duftmischung aus Patchouli und Räucherstäubchen, Mottenkugeln und Frangipaniblüten ausgefüllt.

Kula Shaker sind ihrer Inspirationsquelle Indien auf ihrem zweiten Album treu geblieben, stärker sogar noch als auf dem vielbeachteten Debüt "K" vor drei Jahren. Mögen Zyniker die Köpfe schütteln über die von dem britischen Quartett so beharrlich vertretene Love-and-Peace-Philosophie - "Peasants, Pigs And Astronauts" ist einfach eine hervorragende Scheibe.

"Es ist, als habe die Welt ihren Verstand verloren"

"Meinen die das ernst?" war die von den Medien wohl am häufigsten gestellte Frage angesichts der von der Band zur Schau getragenen Verehrung von Hindu-Gottheiten und indischen Mythen, gepaart mit einem Faible für Spät-60er-Bombast- und Psychedelic-Rock. Auch die Texte auf "Peasants, Pigs and Astronauts" werfen diese Frage auf. "Es ist, als habe die Welt ihren Verstand verloren, es ist so, wie es alle Propheten vorhergesagt haben, aber werden wir in einer neuen Welt auferstehen?", singt Crispian Mills in "Great Hosannah", und in "S.O.S" heißt es: "Dies ist das Zeitalter von Verfall und Heuchelei. Manchmal habe ich das Gefühl, als sei die Welt noch nicht reif für mich." Sind Kula Shaker größenwahnsinnig oder einfach von Endzeitängsten geplagt?

Alles Quatsch, meint Mills. Letztlich gehe es ihm und der Band eher um eine "Spaßrevolution"; schließlich habe er damals mit dem Gitarrespielen begonnen, um Spaß zu haben, sagte er in einem Interview des "New Musical Express". Außerdem sei die Musik von Kula Shaker auch eine Form von Theater. Dennoch tickt Mills auch im Alltag ein bißchen anders als Otto Normallondoner: "Es sind alles nur Fragen - und ja, ich stelle solche Fragen, wenn ich zum Laden um die Ecke laufe, um Milch zu kaufen. Fragen wie diese können einem jederzeit in den Sinn kommen."

Kellys lassen grüßen: Produktion auf dem Hausboot

Mit ihren Ansichten zu Gott und der Welt ist die Band gelegentlich tief ins Fettnäpfchen getappt. So erntete Mills Schelte, als er in einem Interview das Hakenkreuz als altes indisches Glückssymbol verteidigte und sich nach Meinung von Kritikern nicht deutlich genug vom Mißbrauch des Symbols durch die Nationalsozialisten abgrenzte. Auch Äußerungen des 26jährigen zur britischen Asian-Underground-Szene bekamen einige in den falschen Hals. Letzteres stößt bei Mills allerdings auf Unverständnis. Warum solle er sich nicht zu indischer Kultur äußern, sagte er dem "NME", schließlich habe er eine Menge Zeit auf dem Subkontinent verbracht und immer wieder mit indischen Musikern zusammengearbeitet.

Trotz der langen Pause zwischen "K" und dem neuen Album waren Mills, Bassist Alonza Bevan, Keyboarder Jay Darlington und Schlagzeuger Paul Winterhart inzwischen nicht untätig. Nachdem sie 1997 eine erfolgreiche Coverversion des Deep-Purple-Hits "Hush" aufgenommen hatten, gingen sie im August des selben Jahres in Los Angeles mit den legendären Rockproduzenten Rick Rubin und George Drakulis ins Studio, wo die Single "Sound Of Drums" entstand. Es folgte die "Revolution for Fun"-Tournee durch Großbritannien, eine Tour mit Aerosmith und die Zusammenarbeit mit The Prodigy für einen Track auf "The Fat Of The Land". Im März 1998 begannen schließlich die Aufnahmen zu "Peasants, Pigs And Astronauts" auf einem Hausboot-Studio auf der Themse, für die die Band Bob Ezrin als Produzenten gewann.

Komplexe Harmonien mit exotischen Instrumenten

Eine gute Wahl, wie sich zeigt. Ezrin verpaßte dem Album einen Feinschliff, der dafür sorgt, daß Kula Shakers Psychedelic-Rockorgie voller komplexer Harmonien, mit Chören, manischen Hammondorgeln, verzerrten Gitarren, fetten Bläsersätzen, Geigen, Dudelsack, Sitars und Bambusflöten nicht überladen klingt. Da hört man nicht nur die Beatles (seit "Revolver") und die Stones durch, auch Neil Young, die Yardbirds, Pink Floyd und Yes ("108 Battles Of The Mind" klingt stellenweise frappierend nach Jon Anderson und Co.) lassen unter anderem als Inspiration grüßen.

Kann man das ungestraft tun - Ende der 90er eine Platte veröffentlichen, die so sehr dem Sound von gestern huldigt, ohne aber verstaubt zu klingen? Warum nicht, meint der "NME" in ungewohnt versöhnlichem Ton: "Schließlich ist es 1999 - und wenn Du jetzt nicht an einem verrückten, mystischen, das-Ende-der-Welt ist-nah-Konzeptalbum Spaß haben kannst, wann dann?"

Elke Heß, AP - Foto: AP

Im April und Mai kommt die Band für einige Konzerte nach Deutschland: 28.4.. Düsseldorf (Tor 3), 29.4. Hamburg (Docks), 5.5. Berlin (Columbia Fritz), 10.5. Stuttgart (Theaterhaus), 22.5. Nürnberg (Rock Im Park), 23.5. Nürburgring (Rock Am Ring).

Geändert am 1. April 1999 14:14 von alex
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