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    Forscher drehten das Weltbild um

    In diesem Jahrtausend haben Naturforscher das Weltbild der Menschen umgekrempelt. In nur 40 Generationen ist die Welt zum Großteil erklärbar geworden: Die Erde umkreist als Kugel die Sonne. Krankheiten wie Malaria werden nicht von schlechter Luft sondern von winzigen Organismen ausgelöst. Und der Blitz ist kein mystisches Himmelsleuchten sondern eine elektrische Entladung, vor der ein Blitzableiter schützt. Das Weltwissen übersteigt jedoch bei weitem die Aufnahmekapazität eines einzelnen Menschenhirns. Immer mehr Spezialisten bearbeiten immer kleinere Ausschnitte einer zunehmend komplexer erscheinenden Welt.

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    Zur Jahrtausendwende erzeugt der Mensch mit seinen Erfindungen dreidimensionale Bilder. Eine Video- und Datenbrille erzeugt bei der Betrachterin den Eindruck, als würde sie in geringem Abstand vor einem 30- Zoll- Bildschirm sitzen. Eine Technik, die nicht nur im industriellen Bereich, sondern auch in der Medizin eingesetzt werden kann.

    Zu Beginn des zweiten Jahrtausends haben keineswegs die Europäer die Nase vorn: Die Chinesen kennen bereits den Blutkreislauf und nutzen Spinnrad und Zündhölzer. Li Peng druckt im Jahr 1040 erstmals Wörter mit beweglichen Schrifttypen. Der Araber Alhazen arbeitet mit Vergrößerungsgläsern. In Europa bekommt die Wissenschaft dagegen erst im 15. Jahrhundert neuen Schwung. Mit der (Wieder-)Erfindung der Buchdrucks schafft Johannes Gutenberg um 1450 eine bedeutende Grundlage für die folgende Verbreitung von Wissen. Die Kunst des Lesens, eine Voraussetzung für Bildung, bleibt nicht mehr in den Klöstern eingeschlossen, sondern wird den meisten Menschen zugänglich. Gutenberg stirbt dennoch verarmt im Alter von 70 Jahren.

    Kopernikus hebt die Erde aus dem Mittelpunkt

    Ein halbes Jahrhundert nach dem Druck der Gutenberg-Bibel beginnt ein polnischer Domherr und Astronom das christliche Weltbild einzureißen. Um 1507 greift Nikolaus Kopernikus die verdrängten Ideen antiker griechischer Astronomen auf und hebt die Erde sozusagen aus dem Mittelpunkt des Universums. Mit der These, daß die Erde um die Sonne kreist, legt Kopernikus den Grundstein für ein Gedankengebäude, das noch heute nicht vollendet ist: Die Erklärung des Weltalls. Der vorsichtige Denker läßt seine Thesen jedoch jahrzehntelang liegen - umstritten ist, ob aus Angst vor der Kirche oder davor, sich wissenschaftlich zu blamieren. Kurz vor seinem Tod 1543 wird das Werk veröffentlicht, erregt aber zunächst kein großes Aufsehen. Erst der geniale Physiker Galileo Galilei, der nach 1600 das neue Weltbild beweist und weiter entwickelt, muß nach heftigem Streit mit der Kirche den Thesen abschwören. Ob er den Satz "Und sie (die Erde) bewegt sich doch" wirklich sagte, ist ungewiß. Fest steht, daß er seine letzten neun Jahre unter Hausarrest verbringt.

    Experimente statt überlieferter Thesen

    Ein radikaler Wandel in der Wissenschaft ist jedoch nicht mehr aufzuhalten. Immer mehr Forscher ziehen ihre Thesen aus geplanten Experimenten und exakten Beobachtungen, anstatt sich nur auf Autoritäten der Vergangenheit zu berufen. Der Engländer Robert Boyle verspottet 1661 in seinem Buch "Der skeptische Chemiker" die Alchemisten, die sich mehr auf Mystik als auf Mathematik stützen. Er führt den Begriff der chemischen Elemente ein, auf dem die gesamte Chemie auch heute noch basiert. Sein Landsmann, der tiefreligiöse Landwirtssohn Isaac Newton, begründet bald darauf mit seinen Bewegungsgesetzen die klassische Physik.

    Die Naturwissenschaft trennt sich nach und nach von der Philosophie. "Das Zeitalter der Religion und der Philosophie ist dem Jahrhundert der Wissenschaft gewichen", schreiben Denis Diderot und Jean d'Alembert 1751 zu Beginn ihrer 28 bändigen Enzyklopädie, die das gesamte Wissen ihrer Zeit aufnehmen sollte.

    Industrielle Revolution und elektrischer Strom

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    Das Archivbild aus dem Jahre 1883 zeigt den amerikanischen Ingenieur und Erfinder Thomas Alva Edison (1847-1931) mit der von ihm erfundenen Weißglühbirne, der "Edison Lampe".

    Trotz allen Fortschrittgeistes bleibt die Wissenschaft jedoch eine reine Männergesellschaft. In England wird die Herzogin Magaret Cavendish, die sich sehr für die Forschung interessiert, als "Mad Madge" (verrückte Grete) abqualifizert. Trotz aller Widerstände gelingt es ihr 1667, Mitglied der wissenschaftlichen Akademie The Royal Society zu werden. Die nächste Frau folgt erst 1945. Auch Universitäten schließen jahrhundertelang die Hälfte der Bevölkerung aus. Derzeit haben Frauen neun Prozent der Professuren in Deutschland.

    Tief in das Alltagsleben greift die Naturwissenschaft erst Mitte des 18. Jahrhunderts ein, als - ebenfalls von England ausgehend - die industrielle Revolution beginnt. Neuartige Webstühle und Dampfmaschinen führen zu ersten großen Umwälzungen im Berufsleben. Mit den Glühlampen des amerikanischen Erfinders Thomas Edison zieht der elektrische Strom um 1900 in die Haushalte ein. Später schaffen wir uns noch Telefon, Radio, Auto, Fernsehen und Computer an - scheinbar freiwillig. Doch hängt der moderne Mensch schon längst von den technischen Dingen ab, will er nicht von der Welt abgehängt werden.

    Darwins Faustschlag ins menschliche Selbstverständnis

    Einen zweiten tiefen Einschnitt in das Weltbild der Menschen macht nach Kopernikus der britische Naturforscher Charles Darwin mit seiner 1859 veröffentlichten Evolutionstheorie. Darin greift er viele Gedanken andere Forscher seiner Zeit auf. Für viele Menschen ist es kaum zu glauben, daß die schon damals bekannten Knochen von Dinosauriern stammen und nicht von Tieren, die bei der Sintflut ertrunken sind. Daß aber der Mensch vom Affen abstammen soll, ist ein Faustschlag in das Selbstverständnis der Menschen. Obwohl sein Werk gerade von der Kirche stark angegriffen wird, bezeichnet Darwin weder sich noch seine Theorie als atheistisch. Etwa zeitgleich, jedoch von der Außenwelt kaum bemerkt, erweitert der Mönch Gregor Mendel mit der Entdeckung der Vererbungsmechanismen die Evolutionstheorie. 1953 folgt die Aufklärung der Genstruktur. Spätestens mit dem gezielten Eingriff in das Erbgut der Lebewesen hat die Biologie die Physik als Leitwissenschaft abgelöst.

    Veränderte Menschheit im Jahr 3000?

    Das Selbstverständnis der Menschen erhält vom Wiener Nervenarzt Sigmund Freud um 1900 einen vorläufig letzten Hieb: Der Mensch wird von seinen Trieben gesteuert, vor allen dem Sexualtrieb. Freud bringt das Unbewußte ins öffentliche Bewußtsein. Mit der Psychoanalyse deckt er verdrängte Wünsche und Emotionen auf. Auch wenn einzelne Aspekte seiner Werke heute stark kritisiert werden, hat er dennoch eine Tür zu einem neuen Selbstverständnis der Menschen aufgestoßen.

    Die Theorien von Kopernikus, Darwin und Freud haben zu ihrer Zeit ähnliches Entsetzen ausgelöst wie heute die genetische Veränderung oder das Klonen von menschlichen Embryos. Die drei Forscher haben jedoch nur in das Weltbild der Menschen eingegriffen. Die Biotechniker im nächsten Jahrtausend werden vielleicht den Menschen selbst gezielt verändern. Mag sein, daß es im Jahr 3000 nicht nur ein erneut geändertes Weltbild sondern zugleich eine veränderte Menschheit gibt.

    Von Simone Humml, dpa - Archivfotos: dpa

    Geändert am 6. Juli 1999 16:42 von aj
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