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Die einen baden, die anderen starren:

"Massenphänomen Nacktbaden"

München - Schweißtreibende Temperaturen von bisweilen über 30 Grad wecken bei so manchem das Bedürfnis, der Kleidung zu entfliehen. Einige tun dies mit aller Konsequenz: die Nacktbader. Der Englische Garten in München ist eine der bekanntesten Nacktbade-Oasen der Republik. Auch an den Ufern der Isar und an den Seen nahe der bayerischen Landeshauptstadt zelebrieren Sonnenanbeter die Freikörperkultur. Doch anders als früher fühlen sich jetzt nicht mehr Spaziergänger von den hüllenlosen Bade-Fans gestört, sondern die Nudisten von den "Glotzern", wie Thomas Köster, Verwaltungsleiter des Englischen Gartens, es ausdrückt.

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Die Nacktbader seien "zum Opfer geworden", sagt Köster. Hemmungslos würden sie angestarrt, "zum Teil sogar mit Feldstechern". Zunehmend beschwerten sich die Fans der Freikörperkultur über "gaffende" Parkbesucher. "Heute erlauben es sich die einen, nackt zu baden, die anderen, sie anzustarren", sagt der Sozialpsychologe Joachim Hohl, Dozent an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die zunehmende Freizügigkeit bringe beides mit sich.

Anfang der 80er Jahre wollten die hüllenlosen Sonnenbader noch provozieren. Mit der "Nacktbadeverordnung" von 1982, in der bestimmte Liegewiesen in und um die Landeshauptstadt für FKK-Freunde reserviert werden, sollte das hüllenlose Sonnenbaden in München in "geordnete Bahnen" gelenkt werden, sagt ein Stadtsprecher. Heute störe sich niemand mehr daran, wenn jemand sich auch außerhalb der ausgewiesenen Zonen entblößt. Nacktbaden sei fast eine Selbstverständlichkeit geworden.

"Langwieriger, epochaler Zivilisationsprozeß"

Es sei zu beobachten, daß sich immer mehr Menschen ohne Hemmungen "die Kleider vom Leib reißen", berichtet Sozialpsychologe Hohl. Das Phänomen Nacktbaden sei keine "spontane Mode", sondern Ergebnis eines langwierigen, epochalen Zivilisationsprozesses. "Es ist ein Auflehnen gegen zivilisatorische Standards." Im Internet lassen sich seitenweise Tips zu Nacktbade-Urlauben und FKK-Badestränden abrufen. Auch die FKK-Bereiche in den städtischen Freibädern sind beliebt: "Bei schönem Wetter liegen die da wie Heringe", weiß etwa eine Sprecherin der Münchner Stadtwerke. Rund 3.000 Freunde der Freikörperkultur seien allein in der bayerischen Landeshauptstadt in FKK-Vereinen organisiert, schätzt Stefan Schowalter, Vorsitzender des FKK-Vereins "Bund für Freie Lebensgestaltung" in Wasserburg am Inn.

Förderung der Toleranz

Das Nacktbaden fördere die Toleranz untereinander: "Bei uns muß keiner seinen Körper mit einem vorteilhaften Badeanzug kaschieren", sagt Schowalter. Jeder werde akzeptiert, "Titel, Rang und Äußerlichkeiten werden mit der Kleidung abgelegt". Die entblößte Badekultur sei zudem praktisch. "Es gibt keine nasse Badehose, die gewechselt werden muß." Und Hedi Bleikert, seit 20 Jahren Nacktbaderin, schwört auf den angeblich gesundheitsfördernden Aspekt des unverhüllten Wandelns an der frischen Luft: "Ich habe keine Erkältungen mehr."

Die FKK-Vereine bekommen die zunehmende Offenheit gegenüber den Nacktbadern auch auf andere Weise zu spüren. Um wieder mehr junge Leute anzulocken, lassen einige Vereine deshalb Toleranz walten, sagt Schowalter. "Man darf auch mal die Badehose anbehalten."

Von Annette Jäger, dpa - Foto: dpa

Geändert am 8. Juli 1999 12:29 von aj
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