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Andreas Pecht im Gespräch mit Konzert-Veranstalter Fritz Rau

Den die Rocker "Papa" nennen

Seit einem halben Jahrhundert betreut er die Großen der Jazz- und Popszene

Rock-Impressario, Schöngeist unter den Konzertveranstaltern, Dinosaurier der Szene. Je älter Fritz Rau wird, um so eigentümlicher manchmal die (Ehren-)Titel für ihn, der aus dem Hintergrund seit 50 Jahren die Musikszene Deutschlands beeinflußt wie kaum ein zweiter.

Er tut, was er immer tat: Konzerte organisieren und die Werbetrommel rühren. Sein Besuch in der Redaktion unserer Zeitung gilt dem Gerolsteiner Open-air-Festival; wir nutzen die Gelegenheit, über seine und der Musikszene Vergangenheit und Gegenwart zu sprechen.

"Jetzt hör' emol..." setzt der gepflegte ältere Herr zur Entgegnung auf die Vermutung an, die Generation der mittlerweile 50-jährigen Rocker verabschiede sich allmählich. Westernhagen verläßt die Bühnen, Grönemeyer versucht sich in Avantgarde-Lyrik, Maffay irritiert mit Ethno-"Begegnungen". Fritz Rau kontert mit dem Verweis auf einige seiner Schützlinge und Freunde, die erst im "Alter" nach oft schmerzlichen Erfahrungen zur Höchstform aufliefen:

Jugendliche Energie

Der "trockene" Joe Cocker etwa, "von dem man früher nie wußte, singt er oder fällt er gleich um". Die 60jährige Tina Turner, "da hielt ich eine herrliche Frau im Arm, selbstbewußt, von jugendlicher Energie sprühend." Auf Udo Jürgens verweist er, der "mit 66 Jahren" noch mal richtig durchstarte. Dem anderen Udo, dem Lindenberg, der jetzt seine persönlichen Probleme durchstehen müsse, sagt Rau eine große Zukunft als Chansonnier voraus.

"Rock-Sänger kann man in jungen Jahren sein, aber ein großer Rock- Entertainer ist nur einer, der auf der Bühne spürbar machen kann, was er erfahren hat." An der jungen Ute Lemper habe man seinerzeit sehen können, was nicht funktioniert: Eine 24-jährige für 90 Minuten Solo- Entertainment auf die Bühne stellen - "das Mädchen hatte noch nichts erfahren, also auch nichts mitzuteilen".

Der Bogen zum anderen Leben des Peter Maffay ist rasch geschlagen: Vom Beat kommend, ins Schlager- Geschäft geschlittert, im Rock'n'Roll erwachsen geworden, mit "Tabaluga" ein Experiment gewagt und bei "Begegnungen" zu künstlerischer Reife gelangt. "In Gerolstein, wo er sein einziges Deutschland-Konzert in diesem Jahr gibt . . " - Rau wäre nicht Rau, würde er sein konkretes Anliegen in diesem Gespräch vergessen - ". . . wird Maffay einen Querschnitt durch sein Repertoire bieten: urigen Maffay-Rock, der auch das nächste Album prägen wird."

"Weisch't, bei uns heißt's, man wird mit 40 erst g'scheit`"

"Weisch't (weißt du), bei uns daheim heißt's ,man wird mit 40 erst g'scheit`" spinnt der Senior den Gedanken von der Kreativität des Alters und dem stets wiederkehrenden Rückgriff auf das "Lebensgefühl Rock'n'Roll" im badischen Zungenschlag weiter. Kreativität will er den Jungen nicht absprechen, aber viele der aktuellen Musikströmungen seien so neu nun auch wieder nicht. "Techno hat doch schon Jahrzehnte auf dem Buckel. ,Kraftwerk` machte faszinierenden Techno - lange vor der Loveparade. Oder: Woher kommt der HipHop? Miles Davis, der einst mit seinem Bebop den Jazz aufmischte, der ist der Stammvater."

Da wird Fritz Rau zum Zeitzeugen, der die Entwicklungen in der Musik miterlebt hat. Der heute auch entzückt aufhorcht, wenn er bei den Phantastischen Vier, bei Guano Apes, bei Puff Daddy oder anderen der jungen Chart-Stürmer Spuren und mitreißende Wirkung von Blues, Jazz und Rock erkennt.

Dann, vertauschte Rollen, erzählt der Interviewer dem Gast eine Geschichte: Als ich ein naseweiser Heidelberger Junge war, besuchte mein älterer Cousin dort öfter einen Club. "Finstere Spelunke", höre ich seine Mutter noch schimpfen; sehe aber auch seinen Vater, wie er ihn manchmal in jenes Kellerlokal begleitet, um staunenden Ohres der hierzulande so lange verbotenen, dann verpönten "Negermusik" zu lauschen.

Und Fritz Rau schmunzelt vergnügt: Das "Cave 54", Heidelbergs erster Jazz-Club, wurde vom Heidelberger Studenten und späteren rheinland- pfälzischen Gerichtsrefendar Rau 1954 gegründet. Dort, wo die Rhein-Neckar- Existenzialisten nächtelang beim Jazz den Sartre-Camus-Streit austrugen (Rau: "Bei uns gewann immer Camus"), wo erstmals die aufrührenden Filme des neuen französischen und italienischen Kinos an die Wand geworfen wurden, dort sammelte Fritz Rau erste Veranstalter-Erfahrungen.

Zuerst die Künstler

Jazz war sein Plaisier, ist es bis heute geblieben, wenn auch später das Rock/Pop-Engagement in den Vordergrund trat. Zusammen mit Horst Lippmann und Norman Granz hat er in den 50ern Duke Ellington, Ella Fitzgerald, Count Basie, Miles Davies, John Coltrane und viele andere auf deutsche Bühnen geholt. Nachher waren es Hendrix, Clapton, die Stones, the Who, Bowie, Santana, Dylan oder Springsteen ebenso wie Harry Belafonte oder Johnny Cash. "Zu meiner Schande muß ich bekennen", sagt Rau augenzwinkernd, "für mich stehen immer die Künstler im Mittelpunkt, dann erst kommt die Musik." Den Menschen gilt sein Augenmerk: "Die, die oben sind, oben zu halten, und denen, die noch neu sind, das Rüstzeug für den weiteren Weg zu geben, darin vor allem sah ich meine Aufgabe und sehe sie auch weiter."

Jazzsänger Al Jarreau brachte die Bedeutung des "alten Fritz" für zahllose Künstler aus mehreren Generationen einmal so auf den Punkt: "He is everybody's Papa" (er ist für jeden von uns ein Vater). Im März nächsten Jahres wird Rau 70.

von Andreas Pecht

Geändert am 3. September 1999 16:08 von to
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