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Neue Einsatzgebiete für Avatare

Echt virtuell

Köln/München - Avatare sind stark im Kommen. Die künstlichen Figuren mit menschlichen Zügen und festen Charaktereigenschaften sind bereits seit einiger Zeit auf Websites aufzuspüren und gastieren auch schon mal als Moderator in TV-Sendungen und Werbespots. Die Experten sind sicher: Was die Multimedia-Welt heute mit Avataren auf die Beine stellt, ist erst der Anfang einer Entwicklung, die in den kommenden Jahren weiter an Dynamik gewinnen wird.

Die Nase vorn bei der Konzeption und Präsentation einer telegenen Kunstfigur hatte in Deutschland das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF): "Cornelia" heißt der Avatar, den der Mainzer Sender zusammen mit der Agentur Vista New Media in Köln für das ZDF-Webangebot entwickelt hat. Die "Integrationsfigur" konnte in der ZDF-Online-Nacht ab 24. August mit Moderator Cherno Jobatey zusammen auch auf dem Fernsehschirm beobachtet werden.

Marilyn für 2000 Dollar

Damit "Cornelia" menschenähnlich und möglichst natürlich über den Sender kommt, haben ZDF und Vista New Media einen ungewöhnlichen Weg beschritten. Während die "Cyber-Weiber" Lara Croft, Kyoto Date oder ihre männlichen Pendants wie E-Cyas elektronische Kopfgeburten von Programmierern und 3D-Designern sind, ist "Cornelia" das digitale Double der tatsächlich existierenden Cornelia Schliwa, die 1997 als 18-jährige Schülerin in einem Nachswuchswettbewerb der Illustrierten "Cosmopolitan" für die Doppelgänger-Rolle ausgewählt wurde. Alles, was das inszenierte Leben "Cornelias" so ansehenswert machen soll - Gesichtszüge, Gestik, Mimik und das telegene Auftreten - sind gespendete Informationspartikel des Originals.

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Cornelia

Tyra

Kyoko Date

E-Cyas

Marilyn

Linksammlung

No DNA

"Cornelia" war allerdings nicht der erste virtuelle Mensch, der moderierend und tanzend die Herzen der Zuschauer erobern soll. Das Unternehmen Mira Lab von Nadja Thalmann in Genf hat bereits 1996 eine digitalisierte Version von Marilyn Monroe herausgebracht. Die auf Workstation lauffähige Grafikbibliothek des animierten Hollywoodstars kann für rund 2 000 US-Dollar (rund 3 800 Mark) zum Beispiel für Film- und Werbeaufnahmen lizensiert werden.

Avatare kriegen kein Gehalt

Trotz aller Aktivitäten, virtuelle Stars auf Computer- und Fernsehschirmen als Retortenersatz für Moderatoren und Schauspieler zu präsentieren, gewöhnt sich das Publikum nur langsam an die gesendeten Patrouillen aus der Grafikworkstation. Dennoch deutet unter anderem die Digitalisierung des Fernsehens an, dass in den kommenden Jahren mehr und mehr Avatare im Unterhaltungsbereich und in der Werbung eingesetzt werden. Durch die multimediale Verflechtung von Programmierarbeit, Grafikdesign und Schauspielerei könnte sogar ein neues Tätigkeitsfeld entstehen: Ein Grafiker muss als Künstler am Computer sitzen, sonst kann er diese Besonderheit, die Mimik, die Spontanität oder die Sprachgebung der virtuellen Figur nicht so umsetzen.

Der Grund für die Euphorie, die in den Sendern und Multimediaagenturen erzeugt wird, liegt nicht zuletzt in der Budgeteinsparung: Virtuelle Moderatoren laufen Kosten sparend als hochkomplexes Computerprogramm. Nach dem Ende der Entwicklung fallen höchstens Kosten für Wartung und Fehlersuche in den Programmcodes an. Gage und Logis werden hinfällig. Eine auf Knopfdruck funktionierende Kunstfigur ärgert weder Regisseur noch Produzenten.

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Noch deutlich nicht menschlich

Und selbst für den Fall, dass irgendwann die virtuellen Geschöpfe ihre Fangemeinden erobert und ihre menschlichen Kollegen von den Schirmen verdrängt haben sollten, wird das nicht das Ende der Entwicklung sein. Schon dämmert die nächste Phase herauf: Die Avatare oder "No-DNA-Wesen", wie sie auch genannt werden, erwartet dann, dass ihnen autonomes, menschlich intelligentes Verhalten antrainiert wird.

Damit ein künstliches vom Computer gelenktes Wesen ununterscheidbar einen Menschen imitiert, kommt es darauf an, den so genannten Turing-Test zu bestehen. Dabei, so verlangte der englische Mathematiker Turing bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, muss ein Computer die Fragen einer anonymen Person genauso intelligent beantworten können wie ein Mensch. Davon kann aber bei den "Cornelias", Tyras, Aimees oder E-Cyas von heute keine Rede sein. In seinem Buch "Homo Spiens" erwartet der Autor Ray Kurzweil aber, dass die ersten Computer den Turing-Test in den zwanziger Jahren des kommenden Jahrhunderts bestehen werden.

Ralf Blittkowsky, gms - Bilder: gms

Geändert am 22. September 1999 15:00 von mwege
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