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Zum 10. Jahrestag der Maueröffnung: Roman verfilmt

Mit hängender Hose

Unglaublich und auch nicht wahr: Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 verdanken die Bürger der DDR einem entblößten männlichen Unterkörper.

Klaus Uhltzscht heißt der junge Mann, der die Hose im entscheidenden Moment herunterlässt, um die Grenzposten abzulenken und den herausdrängenden Massen den Weg in die Freiheit frei zu machen. Die Komödie "Helden wie wir", der just am zehnten Jahrestag des historischen Ereignisses in die Kinos kommt, erzählt, wie es dazu kam.

Viel bescheidener als "Forrest Gump", der in den USA an fast allen historischen Ereignissen von Elvis' Hüftschwung bis Nixons Watergate-Affäre beteiligt gewesen sein will, verläuft Klaus' Leben in der DDR. Ebenso wie "Forrest Gump" nicht besonders helle, unterscheidet sich Klaus Uhltzscht von dem Amerikaner in einem wichtigen Punkt. Er ist ganz und gar keiner, der Entscheidungen trifft und die geringen Geistesgaben mit eisernem Leistungswillen auszugleichen versteht.

Widerspruchslos jedem Diktat gebeugt

Klaus ist einer, der sich widerspruchslos dem Diktat von Eltern, Schule und Staatsapparat fügt. Er erlebt Geschichte bis zum 9. November 1989 passiv: Bei seiner Geburt am 20. August 1968 rollen Panzer durch das Dorf im Vogtland in Richtung Prag. Als Junger Pionier darf er auf einem groß angelegten Treffen von SED-Politbüromitglied Kurt Hager ein Banner übernehmen und bekommt von FDJ-Chef Egon Krenz die Hand geschüttelt. Im übrigen aber spielt sich der DDR-Alltag wenig aufregend zwischen Schule und Fernsehen ab. Die Familie wohnt inzwischen in der Ostberliner Normannenstraße, direkt gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit.

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In Staatsbürgerkunde lernt der Kleine, dass die Welt aus roten und blauen Ländern besteht. Brav malt er die Landkarten jener Länder, die nach den Worten der Lehrerin bald sozialistisch sein werden, mit einem roten Buntstift aus. Yvonne, die neue Mitschülerin, zeichnet lieber rote Tulpen und träumt von riesigen Tulpenfeldern bei Amsterdam. Rasch kommen die beiden sich näher und malen sich aus, eines Tages gemeinsam nach Holland zu fahren. Das erzählt der Junge seinem Vater, und bald darauf zieht Yvonne mit ihrer Familie weg.

Stasi-Offiziersanwärter lernt Postleitzahlenbuch auswendig

Klaus sieht sie erst wieder, als er Schule und Grundwehrdienst hinter sich hat. Der Staatssicherheitsdienst hat ihn geködert mit dem Versprechen, als "Romeo" Nato- und andere Sekretärinnen im Westen auszuspionieren. Doch die berufliche Realität eines Stasi-Offiziersanwärters ist so aufregend wie ein Postleitzahlenbuch, das Klaus auswendig lernen muss. Eines Tages aber sieht er Yvonne mit ihrem Hund in einem Park und folgt ihr. Sie gehört zu einer Gruppe von Dissidenten, die Flugblätter druckt.

Die Ereignisse überschlagen sich nun. Klaus wird von Stasi-Männern aus der Wohnung geholt, um Blut für Staats- und Parteichef Erich Honecker zu spenden. Kurz darauf soll auf dem Bahnhof Alexanderplatz ein "Feind der DDR" verhaftet werden. Mitten im Handgemenge mit Oppositionellen taucht Yvonne auf. Klaus muss zum ersten Mal in seinem Leben eine eigene Entscheidung treffen.

Komik im real-sozialistischen Alltag

Als er am Ende mit heruntergelassener Hose und Siegerlächeln in der jubelnden Masse durch die Mauer geht, erklingt wie am Anfang des Films "What a wonderful world" von Louis Armstrong. Ein politisch unbefleckter Stasi-Mitarbeiter, der auch noch zum Freiheitshelden mutiert, das wäre in jedem ernsthaften Film eine Provokation für die Opfer des Unterdrückungssystems, für eine Satire jedoch ist es ein gefundenes Fressen.

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Täuscht geschickt Authentizität vor: Regisseur Sebastian Peterson

Thomas Brussig geht in der Romanvorlage "Helden wie wir" provozierender zur Sache, aber er betont, der Film müsse in seinem Genre bestehen, "dieses Leben im Totalitarismus, dieses in der Verblödung aufgewachsen zu sein", aufleben lassen. Das ist dem Regie-Neuling Sebastian Peterson auch tatsächlich gelungen. Geschickt versteht er es, Authentizität vorzutäuschen, indem er seine eigene Inszenierung mit Original-Filmmaterial aus offiziellen und privaten Quellen der DDR mischt.

Original-Filmmaterial aus offiziellen und privaten Quellen der DDR

Komik bringt der real-sozialistische Alltag von ganz allein hervor, etwa wie die Schüler in Schwimmer, Nichtschwimmer und "Flachschwimmer" aufgeteilt werden, wie Klaus heimlich Bilder von Frauen in Unterwäsche aus einem westdeutschen Warenkatalog herausschneidet oder wie wichtig die Stasi-Offiziere ihre Frühstückspause nehmen.

Spießbürger, wie es sie nicht nur in der DDR gab

Die Rollen sind ausschließlich mit in der DDR aufgewachsenen Schauspielern besetzt und vermitteln ebenfalls große Realitätsnähe. Daniel Borgwardt spielt den blassen, etwas linkisch wirkenden Klaus im nachpubertären Stadium, Xenia Snagowski die selbstbewusste Yvonne. Für beide Schauspieler ist es die erste Rolle. Klaus' Mutter und Vater (Kirsten Block und Udo Kroschwald) sind hundertprozentig angepasste, zeitweise in Leblosigkeit erstarrte Spießbürger, wie es sie nicht nur in der DDR gab.

Inge Treichel, AP

Geändert am 8. November 1999 14:53 von to
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