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Berlin-Touristen stehen auf Revue und Varieté:

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BERLIN

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  • Berlin - Zwei Paläste hat die DDR der Nachwelt hinterlassen, doch ihr Schicksal könnte nicht unterschiedlicher sein. Während der Asbest verseuchte Palast der Republik unzugänglich dahinsiecht und sein endgültiges Todesurteil erwartet, hat sich ein anderer Prestige-Bau des Regimes zu einem der größten Publikumsmagneten im vereinten Berlin gemausert: der Friedrichstadtpalast an der Friedrichstraße. Mehr als 600 000 Besucher werden in diesem Jahr eine Vorstellung im größten Revue-Theater Europas besucht haben.

    Mag Berlin auch berühmt sein für seine Schauspiel- und Opernhäuser, seine Sinfonieorchester und Museen - die Masse der Touristen hält es mit der leichten Muse. "Die drei meistbesuchten kulturellen Attraktionen sind der Friedrichstadtpalast, das Musicaltheater am Potsdamer Platz und das Varieté Wintergarten", sagt Heinz Buri von der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM).

    The Show must go on

    Den größten Umsatz erwirtschaftet dabei dank der hohen Eintrittspreise zwischen 49 und 199 Mark das Stella-Musical "Der Glöckner von Notre Dame". Rund 1,1 Millionen Besucher haben seit der Premiere am 5. Juni 1999 die Bühnen-Adaption des Disney-Zeichentrickfilmes im neuen Theater am Potsdamer Platz gesehen.

    Vom 12. November an wird die Logistik des Hauses auf eine harte Probe gestellt: Dann soll zusätzlich zu den acht Glöckner-Vorstellung drei bis vier Mal pro Woche das neue Familien-Musical "Emil und die Detektive" gegeben werden. Damit bekommt der aus Paris mit Umweg über die USA zugewanderte Glöckner ein Ur-Berliner Pendant an die Seite gestellt. Traditionspflege ist ansonsten aber eher die Domäne von Friedrichstadtpalast und Wintergarten: Sie beschwören die goldenen Zwanzigerjahre, in denen die deutsche Hauptstadt weltweites Renommée als Metropole des mondänen Müßiggangs besaß. Rund 400 Varietés soll es damals in Berlin gegeben haben.

    "Revue Berlin"

    Die Amüsierbetriebe der Gegenwart verteilen sich noch eher lückenhaft auf das Stadtgebiet, die Bandbreite des Gebotenen ist aber schon wieder recht beachtlich. Wer sein intellektuelles Niveau etwa bei allem Bedürfnis nach Zerstreuung nicht allzu sehr unterschreiten möchte, sollte sich in die "Bar jeder Vernunft" in Wilmersdorf oder ins Chämeleon Varieté in den Hackeschen Höfen flüchten. Beide Kleinkunstbühnen gelten in der Kulturszene der Hauptstadt als voll satisfaktionsfähig. Regelmäßig mischen sich bekannte Schauspieler ins Publikum.

    Während die Gastspiele der Chansoniers, Kabarettisten, Komödianten und Artisten dort in rascher Folge wechseln, steht im Friedrichstadtpalast seit mehr als einem Jahr das gleiche Stück auf dem Programm: die "Revue Berlin", ein musikalischer und tänzerischer Bilderbogen aus 100 Jahren Stadtgeschichte. Bei einer Auslastung von mehr als 90 Prozent kann sich das Haus solche Monokultur leisten, die nur Ende des Jahres durch eine Weihnachtsrevue und ein Marlene-Dietrich-Programm aufgelockert wird.

    Optischer Reiz: die Parade von 32 langbeinigen Revuegirls

    Ebenso märchenhaft wie dieser Erfolg wirkt der 1984 vollendete Friedrichstadtpalast selbst: Die byzantinisch anmutenden Ornamente an der Fassade regten die spottlustigen Berliner zu einem treffenden Vergleich an: "Bahnhof von Aserbeidschan". Dieser Spitzname kam der Wahrheit näher, als die meisten ahnten. Tatsächlich hatten die ostdeutschen Bauherren den nicht zur Ausführung gekommenen Entwurf eines DDR-Architekten für den Kulturpalast von Bagdad aus der Schublade gezogen - ein Fall von missverstandenem Weltniveau.

    INFO-KASTEN: Berlin

    Buchungshotline Berlin Tourismus Marketing: 030/25 00 25, Internet: www.btm.de
    Stella-Ticketline: 01805/44 44, Internet: www.stella.de
    Ticket-Telefon Friedrichstadtpalast: 030/23 26 23 26, Internet: www.friedrichstadtpalast.de
    Ticket-Hotline Wintergarten: 030/25 00 88 88, Internet: www.wintergarten-variete.de

    Die technische Ausstattung des Palastes kann sich dagegen sehen lassen. Die 60 Meter tiefe Bühne ist die größte Europas, sogar ein Wasserbassin oder wahlweise eine Eisfläche haben darauf Platz. Die rund 1900 Sitze sind wie in einem Amphitheater angeordnet und bieten gute Sicht quer durch die Preisklassen. Nach der Wende wurde der rote Bezugstoff der Sitze durch einen blauen ersetzt und Geld in eine Laseranlage investiert, deren geballter Einsatz manche Besucher um ihr Augenlicht fürchten lässt. Ein anderer optischer Reiz ist die Parade von 32 langbeinigen Revuegirls - die größte ihrer Art in der Welt, wie man beim Friedrichstadtpalast versichert.

    "Ein Kessel Buntes"

    Ansonsten fällt die Definition, was Revue im beginnenden 21. Jahrhundert bedeutet, schwer. "Ein Kessel Buntes" könnte die Antwort lauten. Dem Publikum werden Tanz, Live-Musik, ein farbenfrohes Bühnenbild und ein Schuss Akrobatik als Pausenfüller geboten. Wer dagegen Erotik wie in Paris oder Glamour wie in Las Vegas sucht, dürfte von der Aufführung enttäuscht sein, aber das sind - nach dem Beifall zu schließen - die wenigsten. Musikalisch hält sich die "Revue Berlin" an bekannte Gassenhauer aus den vergangenen 100 Jahren. Das für März 2002 angekündigte neue Programm soll wieder vollständig aus Eigenkompositionen bestehen.

    Ähnlich wie vor dem Friedrichstadtpalast fahren auch vor dem Wintergarten in der Potsdamer Straße allabendlich Busse mit weit gereistem Publikum vor. Der Portier in schmucker Livrée dient eher zur Dekoration - Wagenschläge gibt es hier kaum zu öffnen. Auch im Inneren kann sich der Gast am Anblick bunter Fantasieunformen erfreuen, wie man sie aus dem Zirkus kennt. Das kommt nicht von von ungefähr, schließlich stecken die beiden Roncalli-Erfinder Bernhard Paul und André Heller hinter der Wiederbelebung des Wintergartens im Jahr 1992.

    Weltruhm lässt sich in der Sparte Varieté heute nicht mehr erlangen

    Der im Krieg zerstörte Vorgängerbau lag direkt am Bahnhof Friedrichstraße und war zweite Heimat für Jongleure wie Enrico Rastelli, Clowns wie Charlie Rivel und Grock oder Diseusen wie Claire Walldoff. Die heutigen Artisten - viele davon stammen aus Osteuropa - beherrschen ihre Kunst zwar nicht weniger eindrucksvoll. Weltruhm lässt sich in der Sparte Varieté aber heute nicht mehr erlangen. In Deutschland scheint die leichte Form der Abendunterhaltung aber wieder mehrheitsfähig zu sein: Im Gästebuch des Wintergarten finden sich Politiker aller Parteien - von Bundespräsident Johannes Rau und Innenminister Otto Schily über CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer bis hin zu Hans-Dietrich Genscher und Gregor Gysi.

    Tobias Wiethoff, gms

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