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Mit der Bahn zur einstigen Sommerresidenz des chinesischen Kaisers

Hinter den Häkelgardinen zieht die Welt vorbei

Chengde

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Peking/Chengde - Der Platz vor dem Pekinger Zentralbahnhof ist blitzsauber - so wie viele öffentliche Orte der 13-Millionen-Stadt, die sich bereits für die Olympischen Spiele 2008 herausputzen.

"Mitte der achtziger Jahre mussten die Leute noch mehrere Tage lang auf eine Fahrkarte warten. Ganze Familien haben hier kampiert. Es war ein grauenhafter Gestank", erzählt Fremdenführer Shuo. Heute ist das Bahnfahren von Peking aus komfortabel, vor allem für Touristen. Ein mögliches Ziel heißt Chengde, 250 Kilometer nordöstlich von Peking.

Rechts und Links windet sich die Chinesische Mauer

Schon früh am Morgen geht es los. Die Reisenden lassen sich im Touristen-Abteil in türkisfarbene Polstersessel fallen und schieben die Häkelgardinen vor den Fenstern weg. Dann rollt der Zug los, der seinen Passagieren einen Blick auf das Leben hinter den Grenzen der Vorzeige-Hauptstadt gewährt. Er lässt Pekings Randbezirke hinter sich, links und rechts windet sich die Chinesische Mauer die Berge wie ein Drache empor. Dann wird das Land allmählich flacher.

Mittelalter trifft 21. Jahrhundert

Die Lok ist vom 21. Jahrhundert ins Mittelalter gerattert: Auf dem Land wühlen Bauern mit bloßen Händen in der Erde, ihre kleinen Kinder an der Seite. Menschen spannen sich selber vor ihre Pflüge und ziehen sie durch die kargen staubigen Felder. Dazwischen liegen sattgrüne große Flächen. Die gehören der Armee und werden maschinell bestellt.

Die Armee betreibt Landwirtschaft in großem Stil

"Die Hälfte der Soldaten arbeitet in der Landwirtschaft. Die Armee ist eine Wirtschaftsmacht", erklärt ein mitreisender junger Chinese, der sich Jimmy nennt. Die Großbetriebe des Militärs verfügen über Traktoren und andere Maschinen. Auf beiden Seiten der Gleise sind am Rande der Felder immer wieder Sandhügel spitz aufgeschichtet, davor stehen beschriftete Holztafeln - es sind Gräber.

Feilschen im fahrenden Basar

Laute Frauenstimmen befördern die Reisenden wieder in die Gegenwart: Eine Schaffnerin preist plötzlich Spielkarten an. Kurz darauf erscheint ihre geschäftstüchtige Kollegin mit Krawatten, eine weitere mit kleinen Täschchen und Beuteln. Schließlich werden Seidentücher ausgepackt. Es wird in den Stapeln gewühlt, mit Handzeichen gefeilscht, Desinteresse geheuchelt und dann doch zugegriffen. Die uniformierten Zugbegleiterinnen halten den Männern Schlipse und den Frauen Schals vors Gesicht, erzählen eine Menge Unverständliches auf Chinesisch und schlagen so manches Stück los.

Ziegelbrennereien schaffen Aschelandschaften

Der Zug nach Chengde braust vorbei an Ziegelbrennereien, in denen noch wie vor 100 Jahren gearbeitet wird, und an heruntergekommenen Fabriken, aus deren Schornsteinen schwarze und weiße Wolken quellen. Ein kleines Dorf gleicht einer Mondlandschaft: Es ist ganz und gar mit einer grauen Asche-Schicht bedeckt. Die Zugbegleiterinnen rühren Instant-Kaffee, Milchpulver und heißes Wasser aus Thermoskannen zusammen. Nach drei Stunden rollt der Zug im Bahnhof von Chengde ein.

In einer Woche zur größten kaiserlichen Parkanlage Chinas

INFO-KASTEN: China

Chinesisches Fremdenverkehrsamt, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt/Main
Tel: 069/52 01 35
Fax: 069/52 84 90
E-Mail: info@fac.de
Internet: www.fac.de

In der Stadt, die heute etwa 200 000 Einwohner hat, wurde im 18. Jahrhundert die kaiserliche Sommerresidenz gebaut. Mit einer Fläche von 560 Hektar ist sie etwa doppelt so groß wie der Pekinger Sommerpalast und damit die größte kaiserliche Parkanlage in China. Zu Beginn der warmen Jahreszeit machte sich einst jedes Jahr der Hofstaat mit etwa 1000 Personen auf den Weg, um im milderen Klima von Chengde die heißen Monate zu verbringen. Damals dauerte die Reise, die heute mit der Bahn einen Vormittag braucht, etwa eine Woche. Neben den Wohn- und Repräsentationshallen beeindruckt vor allem der Park mit seinen Nachbildungen typischer chinesischer Landschaften.

Damit sich der Dalai Lama wohlfühlt

Fünf Auto-Minuten weiter in Richtung Westen traut der Besucher seinen Augen kaum - er steht vor dem Potala-Tempel von Lhasa in Tibet. "Eine Nachbildung für den Dalai Lama, der sich wohl fühlen sollte, wenn er hierher zu Besuch kam", erklärt Jimmy. Der Tempel, mit dessen Bau 1767 begonnen wurde, ist in Chengde allerdings um zwei Drittel kleiner als das Original. Er wurde dem damaligen Kaiser von China zum Geburtstag geschenkt. Weil den Herrscher wegen der hohen Kosten das Gewissen plagte, verbot er seinen Untertanen, ihm künftig Tempel zum Geburtstag zu schenken. Der "Kleine Potala" ist eine von insgesamt acht Tempelanlagen rund um den Sommerpalast.

Freiluft-Friseur und Open-Air-Schuhflickerei

Weniger spektakulär, aber ebenso interessant wie die Bauwerke ist ein Spaziergang durch das Zentrum von Chengde. Hier gibt es noch die typisch chinesischen Wohnhäuser mit den Innenhöfen, die sich mehrere Familien teilen. Ein paar Straßenzüge weiter, in einer kleinen Hochhaussiedlung, findet das Leben auf der Straße statt: Im Freien werden Haare geschnitten, Schuhe geflickt und Dampfnudeln zubereitet.

Der Zug mit den Häkelgardinen rollt schließlich wieder an, diesmal nach Peking. Nach wenigen Minuten wird er noch einmal zum Basar - mit neuem Sortiment. Diesmal wird unter anderem um Porzellan gefeilscht.

Stephanie Steffen, dpa

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