[an error occurred while processing this directive]

Neue Tipps/Touren

Reise-Galerie

Weltkarte


Die unbekannte Schöne im Norden Frankreichs: Kulturhauptstadt Lille

Mehr als Waffeln und Schokolade

Anklicken zum Vergrößern

Unbekannte Schönheit: Lille

Foto-Show Infos/Tipps

Mit Lille präsentiert sich nicht nur eine Stadt, sondern gleich eine ganze Region als Europas Kulturhauptstadt 2004. Denn genau genommen besteht die Metropole Lille aus 87 einzelnen Gemeinden. Nahe der Grenze zu Belgien in Nordfrankreich gelegen, gilt Lille als eine verkannte Schöne, die viel besser ist als ihr Ruf.

"Waffeln und Schokolade zählen zu den süßen Spezialitäten der Stadt", erzählt Madeleine Estienne, die ein Feinkostgeschäft in der Altstadt von Lille führt. Wer mit ihr erst einmal ins Gespräch kommt, kommt so schnell nicht wieder vor die Tür - die Bewohner von Lille lieben es eben gesellig. Die Geschäfte in der Altstadt sind zumeist im Erdgeschoss barocker Häuser im flämischen Baustil untergebracht. Viele von ihnen stammen noch aus dem 17. Jahrhundert - jener Zeit also, in der Lille die Nationalität wechselte. Fast sieben Jahrhunderte lang hatte die heute 214 000 Einwohner zählende Stadt zu Flandern gehört. Erst 1667 wurde sie französisch.

Eine der größten Buchhandlungen der Welt

Auf der Grand Place, dem großen Platz im Herzen der Stadt, sitzen die Menschen in den Straßencafés in der Sonne. Überall sind junge Menschen zu sehen. "In Lille gibt es 100 000 Studenten", erläutert Annick Berner, eine Deutsche, die im Büro des Kulturstadtjahr-Programms arbeitet. Direkt an der Grand Place können die Hochschüler bei "Furet du Nord", der möglicherweise größten Buchhandlung der Welt, auch ihre wissenschaftliche Lektüre kaufen.

Nicht weit entfernt befindet sich "La Vieille Bourse". Die Alte Börse zählt zu den prächtigsten Gebäuden der ganzen Stadt. Unter den Arkaden des Renaissance-Innenhofes haben Buchhändler ihre Stände aufgebaut - so manches antiquarische Schnäppchen ist dort zu erstehen. Und an lauen Sonntagabenden in der wärmeren Jahreszeit wiegen sich an diesem Ort Tangotänzer zu Klängen des Bandoneons.

Oper erstrahlt in neuem Glanz

Von der Alten Börse ist es auch nicht weit bis zur Oper von Lille, die im Kulturstadtjahr in neuem Glanz erstrahlt. Während einer aufwendigen Renovierung war der Bau geschlossen. Jetzt ist hier wieder "Don Giovanni" von Mozart zu hören und zu sehen. Weitere Opern von Puccini, Händel und Georges Aperghis sollen 2004 folgen.

Eine wirkliche Institution kulinarischer Art in nächster Nähe lässt sich kaum ein Tourist entgehen: die 1761 gegründete und immer noch historisch eingerichtete Patisserie Méert. Dort können Kuchen, Schokolade und die traditionellen "Les Gaufres" - die berühmten Waffeln - gekauft werden. Schon Staatspräsident Charles de Gaulle ließ sich regelmäßig sein Lieblingsgebäck aus der Stadt schicken, in der er am 22. November 1890 das Licht der Welt erblickt hatte.

Zeitreise ins Mittelalter

Durch die Leckereien frisch gestärkt, kann der Stadtrundgang fortgesetzt werden. Beim Eintritt ins "Hospice Comtesse" beginnt für die Besucher eine Zeitreise ins Mittelalter - das ehemalige Armenhospiz aus dem Jahre 1237 ist heute ein Museum. Zu sehen sind historische Möbel, Gemälde und Kunstgewerbe.

Für Kunstfreunde ist auch der Besuch des "Palais des Beaux-Arts" ein Muss: In dem stattlichen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert befindet sich eine der größten Sammlungen europäischer Malerei, Skulpturen und Keramik überhaupt. Auf insgesamt 22 000 Quadratmetern drängen sich Werke zum Beispiel von Van Dyck, Donatello, Goya und Rodin. Im März 2004 wird dort eine große Rubens-Retrospektive eröffnet.

Eine Besonderheit gilt es im Keller des Museums zu entdecken. Dort sind große Reliefs von Städten der Umgebung ausgestellt. Sie wurden in der Zeit des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. angefertigt. Jede Straße, jedes Haus und jeder Baum ist dort verzeichnet. Die historischen Modelle dienten den Militärs als Grundlage für Angriff und Verteidigung. Lange Zeit waren diese "Satellitenaufnahmen der frühen Neuzeit" streng geheim und im Louvre in Paris versteckt.

Cabaret mit einem Hauch von Paris

Ein architektonisches Kontrastprogramm zur Altstadt ist das moderne Lille im Osten des Zentrums. Im neuen Stadtviertel Euralille haben Architekten aus mehreren Ländern Wohn- und Geschäftshäuser mit Glasfassaden gebaut, darunter auch ein Einkaufszentrum. Gleich nebenan befinden sich die Bahnhöfe "Lille Flandres" und "Lille Europe". Beide werden im Kulturjahr mit Hilfe von Farbfiltern und Lichtkunsteffekten besonders ausgeleuchtet. Auch die Rue Faidherbe unterzieht sich 2004 einer Verwandlung: Die breite Straße wurde nach dem Vorbild Barcelonas umgebaut - auf der Stadtpromenade mit breiten Gehwegen können die Fußgänger nun ungehindert spazieren.

Einen langen Stadtbesichtigungs-Tag lassen Lille-Besucher gerne in einem der romantischen Restaurants in der Altstadt ausklingen. In der Rue de Gand zum Beispiel reiht sich ein Lokal neben das andere. Eine turbulentere Alternative ist ein Besuch im Cabaret "Folies de Paris". Dort führen Tänzer, Sänger und Schauspieler eine bunte Revue auf. "Einen Abend ganz wie in Paris - wir bieten internationales künstlerisches Niveau", verspricht Cedric Tocaven vom Management.

Zwölf "Verrückte Häuser" als kulturelle Entwicklungsstätten

Wer am Wochenende nach Lille reist, kann sonntags einen der Märkte in der Stadt besuchen. Bunt und fast exotisch zum Beispiel gibt sich der Markt von Wazemmes, der zum einen Teil im Freien und zum Teil in der alten Markthalle stattfindet. In dem multikulturellen Stadtteil leben Menschen aus mehr als 30 Nationen zusammen. Viele der einstigen Industrieanlagen liegen dort brach, doch für einige gibt es nun eine neue Zukunft. So wird etwa die ehemalige Textilfabrik Leclercq in ein "Maison de Folie" - einen Kulturtreffpunkt - umgebaut.

INFO-KASTEN: Lille

Maison de la France, Westendstraße 47, 60325 Frankfurt (Tel.: 0190/57 00 25, Fax: 0190/59 90 61 jeweils für 62 Cent pro Minute; Tourismusamt der Stadt Lille, Place Rihour, BP 205, F-59002 Lille; Informationsbüro des Kulturstadtjahres Lille 2004, 105 Centre Euralille, F-59777 Euralille (Tel. von Deutschland: 0033/3/28 52 20 65)
Links: www.lille2004.com
www.lilletourism.com
www.franceguide.com

Insgesamt zwölf "Maisons Folies" – auf Deutsch: "Verrückte Häuser" - entstehen im Rahmen des Kulturstadtjahres. Ehemalige Fabrikgebäude, Brauereien und Gehöfte wurden mit großem Aufwand saniert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dort entstehen Wohnungen für Künstler, Treffpunkte für die Bevölkerung des jeweiligen Viertels und Veranstaltungsräume. Auch Touristen sind willkommen. Eine große Küche und ein Speisezimmer sind jeweils die zentralen Orte der Anlagen.

Lohnender Abstecher nach Roubaix

"Wir sehen die "Maisons Folies" als kulturelle Entwicklungswerkstätten. Wenn das Kulturjahr vorbei ist, können sie weiter genutzt werden", sagt Olivier Célarié vom Kulturstadtbüro Lille 2004. Das Konzept und die Zukunft der "Maisons Folies" steht und fällt dabei mit dem Engagement der ansässigen Bevölkerung, denn die Bürger selbst sollen sich später um die Projekte kümmern.

Auch in Roubaix, einer der wichtigsten Städte im Großraum Lille, entsteht ein "Maison Folie" in einer alten Wollfabrik. Die ehemalige Textilhochburg lässt sich mit der Metro von der Innenstadt Lilles in 20 Minuten erreichen. Allein die Fahrt birgt eine gewisse Attraktion, da die Metro vollautomatisch funktioniert, also ganz ohne Zugführer.

Roubaix ist der Wohnort von meist arbeitslosen Textilarbeitern und vielen Immigranten, aber auch von einigen der reichsten Familien Frankreichs. Die Stadt zieht jährlich rund drei Millionen Besucher an. Viele von ihnen kommen auch wegen der beiden Outlet-Center mit rund 160 Modegeschäften - ein Zeichen dafür, dass Roubaix bis heute eng mit der Herstellung von Textilien verbunden ist. Die Industriestadt besitzt aber auch eine architektonische Perle: das Kunst- und Industriemuseum "La Piscine". "Unser schönes Gebäude im Art-déco-Stil wurde 1932 als Schwimm- und Badeanstalt gebaut", erklärt Gunilla Lapointe, die Besucher durch die Sammlung führt.

Im Schwimmbecken, wo früher die Badegäste plantschten, können Kunstinteressierte heute Skulpturen und Gemälde aus dem 19. und 20. Jahrhundert betrachten. Modefans erwartet in der ersten Etage eine umfangreiche Kollektion von Stoffen aus dem 16. bis 21. Jahrhundert. "Selbst die Designer von Chanel kommen zu uns nach Roubaix, um sich von der Vergangenheit inspirieren zu lassen", sagt Lapointe. Im "La Piscine" wird ab September 2004 eine Ausstellung über "Picasso und die angewandte Kunst" präsentiert.

Von Daniela David, dpa

IVWPixel Zählpixel

Zuletzt geändert von to