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In der Hochprovence eine ruhige Kugel schieben

Pastis und Pétanque

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Hochprovence

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Das emsige Markttreiben ist längst vorbei. Die letzten Stände sind abgebaut, die "Händler der vier Jahreszeiten" haben Artischocken, Knoblauch und Melonen wieder verstaut. Die Gassen und Bars von Forcalquier sind jetzt ganz in der Hand der Müßiggänger.

Unter den Platanen hängt ein ständiges Stimmengewirr - ein Gemurmel, begleitet nur von dem eintönigen Konzert der Zikaden. Ab und zu ein metallisches Klicken, gelegentlich ein Zuruf, der aufmunternd klingt oder anerkennend: Boules - provenzalisch Pétanque - wird auf dem Platz nahe der Kathedrale Notre-Dame-du-Marché gespielt. Im schummerigen Girlandenlicht erobert sich das 4000-Seelen-Städtchen am Westrand der Hochprovence so nach und nach den Abend.

Erfolgsstory in Lavendelfeldern und Olivenhainen

Olivier Baussan achtet nicht auf die Grunzlaute der Zufriedenheit, die immer dann zu hören sind, wenn einer mal wieder einen guten Wurf mit seiner Kugel getan hat. Dass es in den Augen eines passionierten Spielers aufblitzt vor Freude und Stolz, sieht man in der Dunkelheit sowieso nicht. Baussan gönnt sich nach einem heißen Arbeitstag in einer der Bars am Rande des staubigen Boule-Geländes seinen Pastis. Das ist sein Land, so wie er es liebt - und das ihm Erfolg gebracht hat. Erst machte er die Ladenkette "L'Occitane" mit Düften, Seifen und Wässerchen aus der Provence international bekannt, jetzt setzt er seinen geschäftlichen Siegeszug mit hochwertigen Olivenölen fort.

Das Städtchen Forcalquier liegt auf einem Hügel zwischen den Hochebenen des Luberon, der Lure-Berge und dem Fluss Durance, der diese provenzalische Gegend der Lavendelfelder und Olivenhaine stark geprägt hat. Die umtriebige Côte d'Azur ist weit, und auch Avignon, Aix-en-Provence oder Orange liegen weit westlich hinter den Bergen. Wenn im Sommer Lavendel und Thymian blühen, gleicht diese gebirgige Gegend von Manosque über Digne-les-Bains und Sisteron bis hin nach Barcelonnette im Osten einem ebenso riesigen wie bunten Kräuterladen. Von den Waldbränden im Sommer 2003 blieb die Region weitgehend verschont. In dem früher ziemlich einsamen Land mit den abgelegenen Tälern gehen auch im 21. Jahrhundert die Uhren noch etwas anders.

Lange Leckereien: Würste mit Nüssen, Fenchel, Pinienkernen und Ziegenkäse-Aroma

Die kurvenreiche Départements-Straße führt in das kleine Banon, das nicht nur für seinen Ziegenkäse "Banon de Banon", eingewickelt in Kastanienblätter, unter Feinschmeckern beliebt ist. In Banon herrscht der freundliche Metzger Maurice Melchio über ein Reich schmaler und unglaublich langer Würste, die im Laden von der Decke baumeln. Manchmal kann man vor lauter Wurst kaum sehen, wo sich der Experte für die Brindilles genannten knackigen Delikatessen überhaupt aufhält. Er fertigt luftgetrocknete Würste mit Nüssen, mit Fenchel, Bohnenkraut, Pinienkernen oder auch im Ziegenkäse-Aroma an - allzeit eine besondere Leckerei für Apéro, Picknick oder Wanderung.

Tal der Durance: Kleine Dörfer mit mittelalterlichen Mäuerchen

Das Tal der Durance gen Norden bis nach Sisteron ist so etwas wie das Rückgrat der Hochprovence, in der verstreut kleine Dörfer mit mittelalterlichen Mäuerchen liegen, umgeben von üppiger Natur mit Heide, Wacholder und Steineichen. "Was die Qualität dieser Gegend ausmacht, das ist ihr Licht", schwärmte schon der Schriftsteller Jean Giono. Er wetterte folgerichtig bereits in den fünfziger und sechziger Jahren - Giono starb 1970 - nicht nur gegen die Zivilisation, die seine so ursprüngliche Provence verunstaltete, sondern auch gegen Sonnenbrillen, "die den Blick verstellen". Wer die Sonne der Provence nicht möge, solle gefälligst im Schatten bleiben.

Sisteron: Liebhaber von Lammfleisch horchen auf

Das trutzige Sisteron war schon immer das Einfallstor von Norden her in die Hochprovence. Hier schuf sich die Durance bei dem Rocher de Baume mit Gewalt den notwendigen Felsdurchbruch in den Süden. Die Liebhaber von Lammfleisch horchen auf, wenn Sisteron erwähnt wird - der Ort mit seiner wuchtigen Zitadelle über dem Tal ist Hochburg für aromatisches und zartes Lammfleisch, jenes mit rotem Qualitätssiegel versehene "Agneau de Sisteron". Alles, was der Hobbykoch braucht, um mit einer mageren und nussigen Lammkeule - Gigot d'agneau - zu prunken, das findet sich in den Alpentälern der Umgebung: frei weidende Lämmer, Olivenhaine, Knoblauch in Massen und nicht zuletzt Rosmarin mit seinen hübschen blauen Blüten.

Lavendel-Meer wetteifert mit wogendem Coquelicot

Auf der Fahrt von der hohen Warte Sisterons über den Bäderort Digne nach Moustiers fällt auf, wie sehr das blaue Lavendel-Meer in der Hochprovence mit dem leuchtenden Rot des wogenden Coquelicot, des Klatschmohns, wetteifert. Der Mohn steht in weiten Feldern so wie ein Getreide oder mischt sich in den Hainen mit dem feinen Silberton, der die Blätter der Olivenbäume ziert. Ein Gefühl der Geborgenheit in beruhigender Natur stellt sich ein, die Sehnsucht nach der "wahren Provence" erfüllt sich zumindest einen Augenblick lang. "Wer die Provence liebt, der liebt die Welt, oder er liebt gar nichts", so schrieb Giono. Die Hochprovence öffne den Blick über sich hinaus.

Geschmack wie der Sonnenkönig: Touristenhochburg Moustiers-Sainte-Marie

Teil des südfranzösischen Arkadien, Schauplatz eines idyllischen Landlebens also, war sicherlich doch auch der einstige Wallfahrtsort Moustiers-Sainte-Marie. Bis dann unter dem Sonnenkönig Louis XIV. das feine Fayence-Geschirr in Mode kam und der Ort mit seiner Kirche Notre-Dame-de-Beauvoir zu einem Zentrum dieser Töpfereikunst wurde. Heute zieht der kleine, an den Berg geschmiegte Ort die touristischen Heere an. Diese haben meist vorher den nahe gelegenen "französischen Grand Canyon", die Gorges du Verdon, bewundert oder am Lac de Sainte-Croix Abkühlung vom Wandern unter der Sonne des Südens gesucht. Von Gionos einsamer Hochprovence ist hier keine Spur mehr.

Für Genießer eine Wundertüte der Natur

INFO-KASTEN: Hochprovence

  • Maison de la France, Westendstraße 47, 60325 Frankfurt (Tel.: 0190/51 00 25
  • http://www.franceguide.com

  • Der Weg gen Osten bis zu den Wiesen und Almen des Ubaye-Tals und dem Dorf Barcelonette, benannt nach einem Grafen von Barcelona, ist vielleicht doch zu lang, wenn der kleine Streifzug durch die bergige Hochprovence nicht doch noch stressig werden soll. Dicht entlang an dem Nordrand des romantisch-bizarren Verdon-Canyons und flussaufwärts geht die Reise aber in jedem Fall noch bis zu dem karg-hochgebirgigen Castellane mit seiner Heiligen Muttergottes (Notre-Dame-du-Roc) auf dem Felsen. Wie am Ausgangspunkt Forcalquier, ist es der Markt auf der Place Marcel-Sauvaire, der mit Gemüse, Obst, Kräutern und feinem Öl jeden anzieht. Die Hochprovence bietet eben nicht nur Momente der Ruhe, sie bleibt auch für den Genießer eine Art Wundertüte der Natur.

    Hanns-Jochen Kaffsack, dpa

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