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Kirschblüte in Japan

Ein Land wie im Vollrausch

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Kitschig, aber schön - Anfang April erstreckt sich zu Füßen des Fuji ein Meer aus zartrosa Blüten.

Tokio - Ein Japaner kommt selten allein. Nicht als Urlauber im Ausland, und schon gar nicht im eigenen Land. Erst recht im Frühling, zur Sakura, zur Kirschblüte. Die versetzt das Inselreich Jahr für Jahr mit gesetzmäßiger Regelmäßigkeit in einen kollektiven Ausnahmezustand. Millionen Japaner stürmen dann die Parks, Gärten und Grünanlagen.

Meist geht es um den 20. März herum los, in Nippons subtropischem Süden. Schon Wochen vorher sind die Meteorologen in heller Aufregung. Sobald die ersten Blüten sprießen, gibt es kein Halten mehr. Im Fernsehen, im Hörfunk, in den Zeitungen wird täglich aufgeregt und ausführlich über den Vormarsch der "Kirschblütenfront" berichtet, als handele es sich um einen Hurrikan. Tag für Tag arbeitet sich die blassrosa Blütenflut ungefähr 25 Kilometer weiter gen Norden empor. Zwischen Ende März und Mitte April erreicht die Sakura Kyoto und Tokio, auf Hokkaido im vergleichsweise kalten Norden endet die Kirschblüte regelmäßig erst im Mai.

Unter jedem Baum sitzt ein Japaner, meist im Schneidersitz

Besonders umtriebig sind die mit den Kirschblüten befassten Behörden in Tokio. Im Yasukuni-Schrein stehen mehrere offizielle Maßstabsbäume, deren Knospen von Heerscharen von Biologen, Gärtnern und Meteorologen beobachtet und täglich gewogen und vermessen werden. Vom Ergebnis dieser Messungen hängt es ab, ob auf den Anzeigetafeln der Parks zum Beispiel "Sambuzaki" vermeldet wird, eine 30-Prozent-Öffnung der Blüten, oder "Mankei" - volle Blüte.

Ist die erreicht, steht Nippons Kapitale Kopf. Millionen Hauptstädter stürmen dann die wenigen Grünanlagen von Tokio zum Hana-mi, zum Blütenschauen. Man hat Mühe, besonders an Wochenenden, die Kirschbäume im Menschenwald auszumachen. Unter jedem Baum sitzen sie dann, meist im Schneidersitz: Familien, Freunde, Kollegen, auf Picknickdecken, Pappen oder Plastikdecken.

Zwischen Sake-Flaschen und Truthahnspießen

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Blühende Bäume als nationales Ereignis - schon Wochen vorher beginnen die Vorbereitungen auf eine der größten Feierlichkeiten des ganzen Jahres.

Die Sake-Flaschen kreisen, auf dem Holzkohlegrill brutzeln Truthahnspieße und Tintenfisch-Tentakeln, aus mitgebrachten Kassettenrekordern plärrt Musik, Karaoke-Wettbewerbe steigen, man lacht über jeden noch so abgestandenen Witz aus dem Mund des Familien- oder Firmenpatriarchen. Vor allem unter Männern zählt es geradezu zum guten Ton, zu tief ins Reiswein- oder Bierglas zu gucken, und so sind nicht die Kirschblüten allein verantwortlich für den Vollrausch der Massen. Tokio, wie es trinkt, singt und lacht.

Wer sich als "Gaigin", als westlicher Besucher, in den Kirschblütenrummel stürzt, wird mit großer Sicherheit von den sonst so zurückhaltenden Japanern gestenreich aufgefordert werden, einen Sake zu kosten. Vielleicht auch zwei oder drei. Allein im Tokioter Ueno-Park tummeln sich an einem Sakura-Wochenende bis zu 1,5 Millionen Menschen - die mit Abstand größte Party im Zeichen der Kirsche. Wild geht es auch zu auf dem Prominentenfriedhof Aoyama, wo oft bis zum Morgengrauen gefeiert wird.

Rund 140 000 Kirschbäume gibt's in der Hauptstadt

Das traditionelle Sakura-Gedränge in Tokio lässt sich statistisch erklären: Es gibt rund 140 000 Kirschbäume in der Hauptstadt - 86 Hauptstädter müssen sich also jeweils eine Kirschbaum teilen. Da kann es schon mal eng werden, zumal ungefähr die Hälfte der Kirschbäume in Privatgärten steht. Beruhigend allerdings, dass man in Tokio trotz der verhältnismäßig geringen Zahl an Kirschbäumen eine um so beeindruckendere Zahl von Blüten ermittelt hat: 350 000 pro Baum sollen es sein, rund 49 Milliarden insgesamt, also gut 4000 für jeden Einwohner.

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Die Kirschbäume sind im Menschenmeer oft kaum noch auszumachen - mit großen Picknicks in den Parks wird in ganz Japan die Kirschblüte gefeiert

Spezialisten unterscheiden mehr als ein Dutzend Kirschblütenarten: Weiße und rosafarbene gibt es, auch zweifarbige und besonders pralle Sorten. Die werden, damit sie unter ihrer Blütenlast nicht zusammenbrechen, oft von Bambusgerüsten gestützt. Essbare Früchte liefern Japans Kirschbäume nicht. Was in den Obstgeschäften des Landes verkauft wird, ist meist aus dem Ausland importiert.

Rauschende Feste rund um die Kirschblüte finden natürlich auch außerhalb von Tokio statt: Besonders eindrucksvoll sprießt die Nationalpflanze in und um die alte Kaiserstadt Kyoto mit ihren berühmten Gärten und Parkanlagen. Am beeindruckendsten ist vermutlich das zartrosa Blütenmeer rund um Kyotos Kiyomizu-Tempel sein, der nachts festlich beleuchtet wird. Die schönsten Fotomotive dürfte mit nach Hause bringen, wer Anfang April am Fuße des Fuji auf den Auslöser drückt - ein Bild von Kirschblüten vor dem majestätischen Gipfel des von den Japanern verehrten Vulkans ist zwar kitschig und klischeehaft, aber von unschlagbarer Schönheit.

Der Kirschbaum wird seit einem Jahrtausend verehrt und gefeiert

In Japan wird die Kirschblüte seit rund einem Jahrtausend verehrt und gefeiert. Zuvor, als Nippon unter chinesischem Einfluss stand, stand die Pflaumenblüte höher im Kurs. Die Kirschblüte gilt den Japanern als Inbegriff von Zartheit und Reinheit, aber auch der Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens. Beispielhaft hierfür ist ein Gedicht des Poeten Asai Riyoi, das 1661 in Kyoto veröffentlicht wurde: "Wir leben nur für den Augenblick, in dem wir die Pracht des Mondlichtes, des Schnees, der Kirschblüten und bunten Ahornblätter bewundern." Wegen eben dieser Vergänglichkeit haben zum Beispiel die mittelalterlichen Samurai ein Heldengrab unter Kirschbäumen bevorzugt, und auch die Kamikaze-Piloten des Zweiten Weltkriegs schmückten sich gern mit Kirschblüten, bevor sie in den Tod flogen.

Blütenpracht ist vergänglich

Und so wie die Sakura-Partys der Japaner katerbedingt regelmäßig ein jähes Ende nehmen, ist auch die Blütenpracht Jahr für Jahr absolut vergänglich: Ein kurzer Frühlingsschauer reicht schon aus, und die Milliarden von Kirschblüten rieseln binnen Sekunden zu Boden. Wie Schneeflocken. Für einen kurzen Moment sieht Japan dann aus wie von rosarotem Schnee bedeckt. Doch da Nippons Straßenkehrer von erstaunlicher Effizienz sind, ist auch dieser Anblick - leider - von höchster Vergänglichkeit.

Gregor Garbassen, dpa

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