[an error occurred while processing this directive]

Zurück zum Gewinn-Spiel

Reise-Galerie

Glasgow


Szenestadt London

Verrückt ist hier normal

Anklicken zum Vergrößern
Aufreizende Gelassenheit - die meisten Londoner würden auch dann keine Miene verziehen, wenn ihnen in der U- Bahn Premierminister Tony Blair begegnete.

London zur abendlichen Hauptverkehrszeit: In den U-Bahn-Waggons der Northern Line steht man Schulter an Schulter. Am Leicester Square ist eine Gruppe schwarz gekleideter Gothics zugestiegen, die Gesichter aschfahl geschminkt, mit Rändern um die Augen und blutroten Lippen. Für den Herrn im Nadelstreifenanzug ist das kein Grund, auch nur einmal von seinem zerknitterten "Daily Telegraph" aufzusehen.

Im selben Waggon hat sich eine alte Dame ihren Pinscher unter den Arm gepresst. Ihr breitkrempiger rosa Hut hält die Umstehenden einigermaßen auf Abstand. Zwei orthodoxe Juden mit schwarzem Hut lesen mitten im Gedränge im Talmud.

Dann stockt der Zug plötzlich, und das Licht fällt aus - für die marode U-Bahn aus Kolonialtagen nichts Ungewöhnliches. Es ist vollkommen finster, heiß und extrem eng. Aber niemand tritt dem anderen auf die Füße, niemand flucht, niemand kichert. Es herrscht absolute Stille. Und als nach fünf bis zehn Minuten das Licht wieder angeht, liest der Herr im Nadelstreifenanzug sofort wieder Zeitung, die Juden widmen sich ihrer frommen Lektüre, und die Gothics haben sich nicht vom Fleck gerührt. Noch nicht mal der Hund hat gebellt.

Anklicken zum Vergrößern
Marodes Markenzeichen - die Londoner U- Bahn bleibt des öfteren stehen.

Abgedreht und diszipliniert

So ist London. Seine Bewohner sind vielleicht abgedrehter als die jeder anderen Stadt - doch gleichzeitig äußerst diszipliniert. Vielleicht müssen sie es sein, weil sonst nicht so viele völlig verschiedene Menschen auf so engem Raum miteinander zurechtkommen könnten.

Die Londoner selbst sind ohne Zweifel die größte Attraktion ihrer Stadt. Die Wahlheimat Shakespeares wirkt oft wie ein riesiges Freilichttheater: wenn die lebenden Zinnsoldaten der Queen mit Pauken und Trompeten durch die Straßen von St. James's paradieren, wenn am Piccadilly eine Kutsche stoppt, ein blaulivrierter Diener die Türe öffnet und eine Dame im Pelzmantel zum Shoppen im Juweliergeschäft aussteigt, oder wenn sich sechs rote Doppeldeckerbusse stauen, weil eine zehntürige Limousine nicht um die Ecke kommt. Wo sonst kann all das passieren, ohne dass auch nur ein Passant stehen bleibt?

"Spirit of London": Tower, National Gallery, Hindu-Tempel

Den "Spirit of London" wird man nicht im überlaufenen Tower finden, in der National Gallery, die auch der Louvre sein könnte, oder im teuren Wachsfigurenkabinett, wo man erst einmal zwei Stunden Schlange steht. Dafür aber im Wohnviertel Neasden, wo sich mitten in einer der eintönigsten englischen Reihenhaussiedlungen der größte Hindu-Tempel außerhalb Indiens erhebt, eine Fata Morgana aus 5000 Tonnen Marmor - frei zugänglich für jedermann.

Oder man trifft ihn auf den Zuschauertribünen des Old Bailey, jenes gewaltigen Gerichtshofes, in dem die Vertreter der Justiz noch immer weiße Perücken tragen wie zu Zeiten von Oscar Wilde, der hier 1895 wegen homosexueller Liebschaften zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde - oder im Walthamstow Stadium, wo jeden Samstag Tausende von Zuschauern auf Windhunde wetten.

"The coolest place on earth" weiterblättern
  IVWPixel Zählpixel

Zuletzt geändert von tea