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Der Platz Gamaa' al-Fana in Marrakesch:

Gaukler, Heiler und Erzähler

Marrakesch - Der barfüßige Junge ist wie immer einer der Ersten auf dem Platz. Wenn am frühen Abend nicht mehr jede Bewegung Schweißperlen verursacht, bereitet Mohamed seinen Auftritt vor: bricht leere Cola- und Fanta-Flaschen zu Scherben und schaufelt sie mit beiden Händen zu einer badetuchgroßen Fläche aus Glassplittern und Flaschenhälsen zusammen. Ein einstudiert sorgenvoller Blick gilt dem Scherbenhaufen, ein ernsthaft beunruhigter zählt stumm die wenigen Zuschauer, die haltgemacht haben. Noch muss der 17-Jährige warten, damit sich sein Tanz auf den Scherben auch bezahlt macht.

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Show auf dem Platz Gamaa' al-Fana im Herzen Marrakeschs

Siebzehn Uhr, Platz der Erzähler in Marrakesch: Gäbe es einen Vorhang, er würde sich jetzt heben. Nun strömen die Gaukler, Wunderheiler und Erzähler auf Afrikas bekanntesten Platz. Und nur um diese Zeit fahren die weiß gekleideten Kochkünstler ihre Garküchen auf, um die Flanierenden wort- und gestenreich zu Fleischspießchen, gekochten Lammköpfen oder Kuskus zu überreden. Siebzehn Uhr, der Platz Gamaa' al-Fana im Herzen Marrakeschs beginnt zu tanzen.

Hier handelten einst die ärmeren Bauern aus der Sahara und dem Hinterland von Agadir, die sich keinen Verkaufsstand in den überdachten Suks leisten konnten. Heute haben die ambulanten Märchenerzähler und Gaukler Marokkos den Platz eingenommen. Eingehüllt in den Rauch der Garküchen und nur im Schein der Acetylenlampen erkennbar berichten sie von Mythen und Märchen. Ein Kreis - hastig mit weißer Kreide aufgezeichnet - markiert ihre Bühne.

Westliche Literaten erlagen der Faszination des Platzes

Seit jeher zog der Ort westliche Literaten in seinen Bann. Hubert Fichte, Bodo Kirchhoff und Gerhard Nebel erlagen der Faszination des Platzes genauso wie der Nobelpreisträger Elias Canetti, der in den Erzählern "ältere und bessere Brüder" erkannte. Der spanische Autor Juan Goytisolo, der seit mehr als 20 Jahren in Marrakesch lebt, und die Erzähler und Gaukler des Ortes kennt wie kaum ein anderer Europäer, setzt sich seit Jahren dafür ein, dass der Platz unter Unesco-Denkmalschutz gestellt wird.

Doch nicht nur die Männer des Wortes finden auf dem Platz ihr Forum: Unzählige ruhelose Gnaua, afrikanische Musiker, kreisen tanzend und singend auf dem Platz, um einige Dirham zu ergaukeln. Und da ist auch der Mann mit dem Skelett aus Hartgummi, der die meisten Zuhörer um sich geschart hat, und mit einem batteriebetriebenen Mikrofon Heilkräuter und Zauberpülverchen aus Krokodilszähnen oder getrocknetem Affenfleisch anpreist.

Wo es "Mittel für Männer" gibt

Während das Abendlicht die sepiabraunen Mauern der Stadt unverhofft zum Leuchten bringt, hat auch der Mauretanier Aziz seinen Platz gefunden. Täglich sitzt er in blauer Gulaba unter seinem weißen Sonnenschirm. Wie lange er schon auf dem Platz handle? Er wisse es nicht, sagt er. Wohl schon seit Jahren. Und was er denn unter seinem Schirm verkaufe? Aziz drückt die Finger einer Hand zur Faust und streckt den Unterarm nach vorn. Als man glaubt, verstanden zu haben, lächeln seine Augen. "Mittel für Männer", fügt er noch hinzu, um sicher zu gehen, dass man die Bestimmung seines Pulvers aus getrockneter Schlangenhaut auch wirklich erfasst hat. Den größten Zulauf haben nicht die Erzähler, nicht die Gaukler, sondern Verkäufer seines Schlages, die Hüter der Manneskraft mit ernsten Doktorblicken und verständnisvollem Lächeln.

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Platz Gamaa' al-Fana aus der Vogelperspektive

Jetzt leuchtet auch der Kreis von Mohamed, der seinen Tanz auf den Glasscherben aufführt, als wären es Kieselsteine. Er hat sein Publikum gefunden, die Reihen seines Zuschauerkreises scheinen fest geschlossen. Immer wieder unterbricht er seine Vorführung und droht, nur dann fortzufahren, wenn ihm der Tanz durch genügend Münzen oder Zigaretten auch schmackhaft gemacht werde. Drei Petroleumlampen erleuchten seinen Platz - ein Zeichen für Professionalität und regelmäßigen Verdienst. Schließlich verlangt der Lampenvermieter am westlichen Ende des Platzes zehn Mark pro Abend. Nur die erfolgreichsten können sich mehrere Lampen leisten, die meisten bleiben im Dunkeln.

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