[an error occurred while processing this directive]

Neue Tipps/Touren

Reise-Galerie

Weltkarte


24 Stunden in der Pariser Metro unterwegs

In den Eingeweiden einer Weltstadt

Anklicken zum Vergrößern
Schmuckvoller Zugang zur Unterwelt - die Jugendstil- Eingänge der Metro sollten den Parisern einst die Angst vor dem neuen Verkehrsmittel nehmen.

Paris - "Eiffelturm, Louvre und Sacré Coeur sind auf diesem Trip wirklich nicht zu sehen. Höchstens auf den Plakaten." Zugführer Jean-Michel sagt das mit gespieltem Bedauern und lacht. Es ist kurz vor 12.00 Uhr. Jean-Michels untergründige Reise einmal quer durch Paris dauert ziemlich genau 54 Minuten - 36 Stationen von der Beton-Vorstadt Boulogne-Billancourt in die ebenso grau-triste Banlieue-Kommune Montreuil auf der anderen Seite. Willkommen in den Eingeweiden der Weltstadt.

Um diese Uhrzeit bevölkern Hausfrauen, krähende Schüler sowie Touristen mit den obligatorischen Stadtführern die Metro-Linien, um sich im Takt von jeweils etwa eineinhalb Minuten pro Haltestelle ihren Zielen zu nähern. Weil die Gratis-Zeitung "A Nous Paris", sonst beliebte Lektüre zur Überbrückung der Zeit, schon wieder vergriffen ist, wird ein Buch gezückt oder das Boulevardblatt "Le Parisien". Die Luft ist stickig.

Verhasster Dreiklang

"Dodo - Metro - Boulot", das ist der so verhasste Dreiklang der Franzosen. Schlafen, zur Arbeit fahren und die Arbeit selbst. Dieser Rhythmus spiegelt sich an diesem frühen Nachmittag in den müden Augen derer, die gerade von ihren Frühschichten kommen und sich trotz des schrillen Warnsignals noch schnell durch die erbarmungslos zuschlagenden Metro-Tür quetschen. Unterdessen strecken sich den Fahrgästen von den Plakatwänden jede Menge blanke Busen und weibliche Kehrseiten entgegen.

Die Pariser Metro sei "das wahre Kulturzentrum" der Stadt an der Seine, hat der französische Philosoph André Glucksmann einmal gesagt. Im vergangenen Jahr ein stolzes Jahrhundert alt geworden, ist das 211 Kilometer lange Tunnelnetz unter dem viel besungenen Pariser Pflaster aber doch mehr als ein Transit-Treffpunkt. Die verzweigten Gänge und Röhren der inzwischen 14 Metro-Linien, im Jahr von einer Milliarde Menschen benutzt, sind eine Blaupause von Kultur und Gesellschaft.

Argwohn der Einheimischen schwand allmählich

Mit seinen exotischen Blumenmotiven an den Metro-Eingängen hat Jugendstil-Architekt Hector Guimard den Parisern einst die Angst vor dem neuen Transportmittel nehmen wollen. Am 19. Juli 1900 rumpelte der erste Zug von der Porte de Vincennes zur Porte Maillot. Nach und nach blieb der Argwohn der Einheimischen dann auf der Strecke. Vergessen war bald das Gerede von Rattenplagen im Untergrund und von giftigen Dämpfen.

83 der Jugendstil-Eingänge mit ihren verzierten Gitterbögen sind bis heute erhalten. An den beiden Stationen Porte Dauphine sowie Abbesses unterhalb von Montmartre stehen noch Glasdächer von damals. Auf Art Déco oben folgt dann jedoch der Gang in die Graffiti-Unterwelt. Die mehr oder weniger gekonnt aufgebrachten Zeichen setzen sich bis in die Wagen und auf die Sitze fort.

Anklicken zum Vergrößern
Mobilität für die Massen - die Pariser Metro hat im Jahr rund eine Milliarde Fahrgäste

Die Metro ist auch das Reich derer ohne festen Wohnsitz, von den Franzosen mit ihrer Vorliebe für Kürzel SDF (Sans Domicile Fixe) genannt. Heute sind es indessen die Musikanten, die zuerst um ein paar Francs oder Centimes bitten. Der bärtige Zwanziger mit dem zerschlissenen Hemd sagt kurz "Madame, Monsieur, bonjour", stellt den mitgeschleppten Mini-Verstärker an und entlockt seiner Gitarre ein jaulendes "Love me tender". Klarinette und Ziehharmonika, auch eine Harfe sind als nächstes dran.

Flehentliche Blicke der Bettler

Kaum sind die Metro-Musiker in den nächsten Wagen gesprungen, kommt ein armer Kerl, der auf den Knien an den Fahrgastbänken vorbei rutscht, dabei die Arme flehentlich erhoben. Auch abgebrühte Geister vergessen bei einem solchen Anblick, dass sie die Lebensgeschichte so manches Obdachlosen auswendig aufsagen könnten.

Für fast alles gibt es in Frankreich Verordnungen und Gesetze, doch zeigt der Staat wenig Neigung, diese auch anzuwenden. Betteln und Belästigungen sind eigentlich verboten und grenzen hier im Untergrund schon meist an Nötigung. Aber die heimlichen Herrscher des Untergrunds vollführen noch ganz andere Übungen, die nicht den Beförderungsbedingungen entsprechen: In einer Turnfigur springen sie über das Drehkreuz am Eingang Strasbourg-St.-Denis auf der Linie 11. Andere zwängen sich ohne Ticket, aber mit einem hingemurmelten "Pardon" dicht hinter einem Fahrgast durch die Sperre. Diese Umtriebe kosten die Verkehrsbetriebe RATP alljährlich Millionen.

In den Ecken der Gänge der Gestank nach Exkrementen weiterblättern
  IVWPixel Zählpixel

Zuletzt geändert von tea