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Mit Steigeisen zur "Ötzi"-Fundstelle

Auf Gipfeln und Gletschern

ÖTZTAL IN TIROL

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  • Vent - Auch nach zehn Jahren kann Luis Pirpamer die Wissenschaftler kaum verstehen: "Was die an Vorstellungskraft entwickeln, geht über den Hausverstand", sagt der 62-jährige Bergführer.

    Am 22. September 1991 hatte Pirpamer die Gletschermumie ausgegraben, die bald unter dem Namen "Ötzi" weltweit Schlagzeilen machte. Doch die Thesen, die die Forscher um die 5300 Jahre alte Leiche sponnen, kann er noch immer kaum glauben: "Wir dachten, der liegt seit 20, 30, vielleicht 50 Jahren im Eis. Halt eine normale Gletscherleiche." Davon hat der langjährige Bergrettungsleiter aus Vent im Ötztal in Tirol schon so einige ausgebuddelt.

    Doch "Ötzi" ruhte seit mehr als fünf Jahrtausenden im Gletscher. "Er konnte hier nur deshalb so lange liegen, weil ihn eine Felswanne vor den Bewegungen des Gletschers schützte", sagt Pirpamer und zeigt auf ein Modell der Fundstelle: Noch halb im künstlichen Eis des Ötzimuseums in Vent steckt eine braun-lederne, menschliche Gestalt.

    Wo das Eis noch ewig ist

    Wer die Geschichte der Gletschermumie jedoch nicht nur am Modell studieren will, der muss in die Gipfel der Ötztaler Alpen steigen, wo das Eis noch ewig ist und "Ötzi" in einer Höhe von 3200 Metern gefunden wurde. Und keiner kennt den Weg zur Fundstelle besser als Luis Pirpamer unten in Vent. Vent - das sind 160 Einwohner, bis zu 1000 Übernachtungsgäste und rund 5000 Schafe. Klettertouren zu den Gipfeln der Ötztaler starten früh morgens hier unten im Tal.

    Durch das Niedertal zur Martin-Busch-Hütte führt noch ein ausgetretener Pfad. An den steilen, grünen Hängen links und rechts grasen Schafe, Schmelzwasser stürzt klar ins Tal. Hier und da hat sich an schattigen Orten der Schnee vom vergangenen Winter bis in den Spätsommer gehalten. Nach dem ersten halben Höhenkilometer ist die Baumgrenze passiert: 2500 Meter über dem Meeresspiegel wird die Vegetation karg. Zwischen den Felsen wachsen nur Moose und Gräser. Dann ist der Gletscher zu sehen - nicht blau leuchtend, sondern schmutzig braun und grau. Unter den Bergstiefeln knirscht das Eis. Der Gletscher schwitzt, schmilzt und schrumpft. Auch hier oben brennt die Sommersonne heiß, nur der Wind weht kühler als im Tal.

    Diese Berge sind seine Berge: Luis Pirpamer

    Luis Pirpamer ist nicht aus dem Tritt zu bringen. Stunde um Stunde setzt er einen Stiefel vor den anderen. Fast 280 Tage im Jahr ist er in den Alpen unterwegs, und das seit Jahrzehnten. Wenn ein Stein im Weg liegt, kickt er ihn persönlich mit dem Fuß zur Seite: Diese Berge sind seine Berge. Er ist hier geboren und groß geworden, war als jüngster Bergrettungsleiter Österreichs seit seinem 16. Lebensjahr für die Sicherheit der Bergsteiger und -wanderer verantwortlich und gab erst vor drei Jahren den Posten an seinen Sohn Markus ab.

    Vor zehn Jahren fand ein deutsches Ehepaar die Leiche im Eis

    Drei Kilometer über dem Meeresspiegel liegt das Tagesziel: die Schutzhütte am Fuß des 3606 Meter hohen Similaun. Wanderer und Kletterer ruhen hier auf Etagenbetten oder Matratzenlagerern und werden mit kräftiger Hausmannskost verpflegt: Wurst, Käse und Schinken sind die Hauptnahrungsmittel. Wie ein Außenposten der Zivilisation auf halbem Weg ins All liegt die Hütte zwischen Eis und Felsen. Als im Fluss erstarrter Strom wälzt sich wenige hundert Meter westlich der Niederjochgletscher ins Tal. Auch im Hochsommer friert es nachts. Im Winter liegt der Schnee mehrere Meter hoch.

    Vor zehn Jahren kehrte ein verstörtes deutsches Ehepaar hier in der Similaunhütte ein. Die beiden berichteten dem damaligen Wirt Markus Pirpamer von einer Leiche, die sie am Hauslabjoch im Eis gefunden hatten. Der Hüttenwirt, wie sein Vater Luis ausgebildeter Bergführer, eilte zur Fundstelle - wo auch er die Gletscherleiche ausmachte und die österreichische Gendarmerie alarmierte.

    Nach der Nacht in der Hütte geht es auf zum Gipfel des Similaun: Angeseilt und mit Steigeisen an den Füßen marschiert Luis Pirpamer mit den Kletterern über das Eis, vorbei an tiefen Spalten, aus denen der Gletscher eisig atmet und grün oder blau schimmert. Vom Grat fällt rechts eine Felswand und links eine Schneewand hart ab. Der Wind weht kalt ins Gesicht. Endlich auf dem Gipfel angekommen, wandert das Auge in die Ferne: Weit im Westen, am Hauslabjoch, am Fuß der Finailspitze, ist von hier aus "Ötzis" Fundstelle zu sehen.

    Auf dem Hauslabjoch erinnert ein Obelisk an "Ötzi"

    INFO-KASTEN: Ötztal

    Tourismusverband Sölden-Ötztal Arena, A-6450 Sölden (Tel. von Deutschland: 0043/5254/51 00, Fax: 0043/5254/51 05 20,
    Internet: www.soelden.com

    Die ist nächste Ziel: Am folgenden Morgen führen Luis und Markus Pirpamer zum Hauslabjoch. Nur langsam taucht die Sonne die Berggipfel in weiß-rotes Licht, bevor sie hinter dem Similaun aufgeht. Der Weg zur Fundstelle führt über Felsen und mannshohe Gesteinsbrocken, die sich unter den Tritten gelegentlich lösen. Kein Grashalm wächst hier. Auf dem Hauslabjoch erinnert inzwischen ein Obelisk an "Ötzi". Doch Markus Pirpamer wandert weiter und deutet etwa 80 Meter hinter dem Stein auf die geschlossene Schneedecke: "Hier lag er."

    Am Tag nach dem Fund flogen die österreichischen Alpingendarmen im Helikopter ein. Sie versuchten, die Leiche mit einem Presslufthammer aus dem Gletscher zu schneiden, mussten ihren Bergungsversuch aber wegen eines Schneesturms abbrechen. Also brach zwei Tage später in Vent Luis Pirpamer mit einem Kollegen und zwei Spitzhacken auf. Als Bergrettungsleiter hatte er schon so viele Menschen lebendig aus dem Eis geholt - warum sollte er nicht auch einen Toten bergen?

    "Der sah aus wie eine Puppe"

    Fünf Stunden lang hackten die beiden Männer am Hauslabjoch, bis sie die Mumie befreit hatten. "Der sah aus wie eine Puppe", erinnert sich Luis Pirpamer. Ob denn der Fund noch einer zweiten Mumie hier oben möglich ist, wollen die Begleiter wissen. "Möglich ja", antwortet der Bergführer, "aber kaum wahrscheinlich." In "Ötzis" Fall spielten zu viele Zufälle mit. Nicht zuletzt das Wetter stimmte - als er starb und als er gefunden wurde. Schon wenige Tage später begruben starke Schneestürme wieder, was der geschmolzene Gletscher freigegeben hatte. Luis Pirpamer ist sich sicher: "Hätte man ihn damals im September nicht gefunden - man hätte ihn nie gefunden."

    Sascha Borrée, gms - Fotos: gms

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