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Turin lebt vom Erbe verschiedener Epochen

Fiat und Feudalismus

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Turin

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Turin - Dynastien lieben Denkmäler - das zeigt ein Gang durch Turin. Gleich zwei Familien haben der Hauptstadt des Piemont ihren Stempel aufgedrückt:

Die adeligen Savoyer, seit 1563 in Turin ansässig, hinterließen vor allem Schlösser, Kirchen und Statuen. Später kamen die bürgerlichen Agnellis. Mit Fiat, der "Fabbrica Italiana Automobili Torino", legten sie 1899 den Grundstein für das moderne Turin. Doch spätestens seit der Krise des Autokonzerns hofft Turin auf den Tourismus. Der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2006 setzt dabei vor allem auf Sport und Kultur.

Auf einem alten römischen Reißbrett entstanden

Bei aller automobilen Geschichte ist Turin eine Stadt der Fußgänger geblieben. Das ist vor allem den Baumeistern des Barock zu verdanken: Sie säumten viele Straßen des Zentrums mit Arkaden, die es auf eine stolze Gesamtlänge von 18 Kilometern bringen. Unter den hohen Bögen wechseln sich kleine Straßencafés mit Verkaufsständen ab; Straßenmusikanten singen zur Gitarre, und marokkanische Einwanderer verkaufen selbstgeflochtene Armbänder. Automatisch lenken die Arkaden den Spaziergänger zu einem der vielen Plätze - etwa der Piazza San Carlo, die mit ihren herrschaftlichen Fassaden und den beiden Kirchen San Carlo und Santa Cristina zu den schönsten Barockensembles der Stadt zählt.

Auf dem Grundriss eines römischen Militärlagers am Po wuchs Turin im Schachbrettmuster. "Wir Turiner verlaufen uns in anderen Städten ständig - außer vielleicht in Manhattan", sagt Stadtführerin Laura Scarlazzetta. Auf römischen Fundamenten thront auch das wohl eigenwilligste Bauwerk der Innenstadt, der Palazzo Madama. Klingelnd fährt die Straßenbahn an der turmbewehrten Zwingburg vorbei, deren Hauptfront eine Barockfassade schmückt.

Nur sehr selten zu sehen: Das angebliche Grabtuch Christi

Etwas abseits des Verkehrsgewühls liegt der Palazzo Reale, einst Residenz der Savoyer. Schulklassen drängeln sich auf dem Vorplatz und erleben hier italienische Geschichte zum Anfassen. Immerhin stellten die Savoyer bis 1946 die Könige Italiens - und im Palazzo Carignano gleich um die Ecke tagte 1861 das erste italienische Parlament.

Die bedeutendste Sehenswürdigkeit der Stadt allerdings findet sich neben dem Königspalast im Dom San Giovanni Battista - doch zu sehen ist sie vermutlich erst wieder im Jahr 2025: Die Sacra Sindone, das angebliche Grabtuch Christi. Es wird nur alle 25 Jahre gezeigt. Auch wenn moderne Forschungen die Entstehung der Reliquie auf das Mittelalter datieren, schmälert das ihre Anziehungskraft kaum. Die bislang letzte öffentliche Ausstellung im Jahr 2000 zog in zwei Monaten rund 900 000 Pilger und Neugierige an.

Lecker essen - Trüffel zahlt man grammweise

Weltlichere Genüsse finden sich einen Steinwurf vom Dom entfernt auf dem Markt an der Porta Palazzo - doch diese erschließen sich nur Frühaufstehern. Schon morgens um 7.00 Uhr herrscht ein unübersehbares Gewühl in und um die alten Markthallen aus Stahl und Glas. Hier können Feinschmecker die ganze Schatzkammer des Piemont entdecken: Peperoni, Spargel und Artischocken, aber auch Rebhühner, gehäutete Hasen und saftige Wildschweinschenkel. Würzig weht ein Käsegeruch herüber, und für den Nachtisch liegen Piemontkirschen und Aprikosen bereit. Die größten Schätze ruhen jedoch in der Gemüseabteilung - weiße und schwarze Trüffel, die von den Marktfrauen mit Argusaugen bewacht werden.

Probieren lässt sich das "Gold des Piemont" am Abend in einem der besseren Restaurants. Vorsichtig reibt die Kellnerin die weiße Trüffel über die dampfende Käsesuppe. Anschließend legt sie den Rest der graubraunen Knolle auf eine Briefwaage und ermittelt so den Preis: ein Gramm kostet drei Euro. Doch auch ohne die streng schmeckenden Pilze lässt sich in Turin gut speisen. Deftig ist Bollito misto, Fleischstücke verschiedener Sorten mit kalten Soßen. Ein klassischer "primo piatto" - ein erster Hauptgang - sind die Agnolotti, mit Gemüse und Fleisch gefüllte Pasta. Dazu passt ein regionaler Wein, etwa ein Barolo oder ein Barbaresco.

Italiens Kinostadt der ersten Stunde

Gourmets schätzen an Turin noch eine andere Spezialität: die Giandujotti, kleine Pralinen aus Nougat. Angeblich war es der Savoyer-Herzog Emanuele Filiberto, der im 16. Jahrhundert die ersten Kakaobohnen nach Turin brachte und die Stadt so zur Geburtsstätte der Schokolade machte. Tatsache ist jedenfalls, dass die Konditoren der Stadt immer wieder neue Süßigkeiten erfanden, von den nussigen "Baci di Cherasco" bis zu den mit Rum verfeinerten "Cuneesi". Nostalgisch geht es im 1763 eröffneten "Bicerin" an der Piazza della Consolata zu. In dem holzgetäfelten Café nahmen schon Alexandre Dumas und Friedrich Nietzsche den hier servierten, mit Schokolade verfeinerten Kaffee zu sich.

Derart gestärkt lässt sich auch eine Fahrt auf den höchsten Punkt Turins wagen - die Mole Antonelliana. Ein leichtes Schwindelgefühl stellt sich dennoch ein, wenn der gläserne Fahrstuhl das Innere des Kuppelbaus emporfährt. Einst war das als Synagoge geplante Bauwerk mit 167 Metern das höchste nur aus Steinen und Ziegeln errichtete Bauwerk der Welt. 1953 stürzte es teilweise ein, wurde - mit Stahl verstärkt - wiederaufgebaut und beherbergt heute eines der größten Kinomuseen Europas. "Ende des 19. Jahrhunderts war Turin die Filmhauptstadt Italiens", erklärt Museumsmitarbeiterin Beatrice Lucca.

Legendäre Autoteststrecke auf dem Dach der Fiat-Fabrik

INFO-KASTEN: Turin

REISEZIEL: Turin, italienisch Torino, liegt im Nordwesten Italiens am Po. Die rund 900 000 Einwohner zählende Hauptstadt der Region Piemont liegt rund 25 Kilometer Luftlinie von den Alpen entfernt. Mehrere Wintersportorte sind von Turin aus schnell zu erreichen.

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Der internationale Flughafen Caselle liegt knapp 20 Kilometer nördlich des Stadtzentrums und wird von einigen deutschen Flughäfen aus direkt angeflogen. Häufiger sind Flugverbindungen zum rund 130 Kilometer entfernten Mailänder Flughafen Malpensa, der gut mit dem Zug zu erreichen ist. Auch wer von Deutschland aus mit der Bahn oder dem Auto anreist, muss in der Regel über Mailand fahren. Die klassische Autoroute führt über den Brenner, Verona und dann die A 4 bis Turin. Zur Einreise nach Italien reicht ein Personalausweis.

UNTERKUNFT: Turin besitzt rund 150 meist kleinere Hotels und Pensionen. Die billigsten Doppelzimmer sind ab rund 40 Euro zu bekommen, für ein Zimmer im Drei-Sterne-Hotel muss rund das Doppelte gerechnet werden. Die Restaurantpreise liegen auf deutschem Niveau.

KLIMA UND REISEZEIT: Turin verfügt über ein mildes Klima, wobei die durchschnittlichen Tagestemperaturen im Winter bei rund 6 Grad liegen. Schon im April wird es im Schnitt rund 18 Grad warm, die besten Reisemonate sind jedoch Mai bis September.

GESUNDHEIT: Wer über ein entsprechendes Formblatt seiner Krankenkasse verfügt, kann in italienischen Krankenhäusern kostenlos behandelt werden. Sonstige Auslagen können in der Regel bei der heimischen Krankenkasse eingereicht werden.

SPRACHE: Italienisch. Englisch wird in der Regel gut verstanden.

WÄHRUNG: Euro

INFORMATIONEN: Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt (ENIT), Kaiserstraße 65, 60329 Frankfurt (Tel.: 0800/00 48 25 42, Fax: 069/23 28 94, Internet: www.enit.it).

Die 14 Schlösser, die Turin wie ein barocker Kranz umgeben, lassen sich am ehesten mit einem eigenen Auto erreichen. Am eindrucksvollsten präsentiert sich dabei das Castello di Rivoli, gelegen auf einem Hügel außerhalb der Stadt und von den Savoyern in Anlehnung an das französische Versailles geplant. Doch dann ging das Geld aus, das Schloss wurde zur Ruine - bis 1984 das Museum für zeitgenössische Kunst Einzug hielt. Glasvorbauten ergänzen die wuchtigen Mauern und lassen das Gebäude selbst zu einem Kunstwerk werden.

Ein Dialog zwischen historischem Bauwerk und moderner Kunst ist auch südlich des Zentrums gelungen. Hier errichtete Fiat von 1915 an ein gigantisches Fabrikgebäude, den Lingotto: Ein fünfstöckiges Gebäude, rund 800 Meter lang und 400 Meter breit, gekrönt von einer Autoteststrecke auf dem Dach. Als der Fiat-Konzern Anfang der achtziger Jahre auszog, baute der Stararchitekt Renzo Piano den Fabrikkoloss in ein Handels- und Kulturzentrum um. Kernstück ist die Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli, welche die private Kunstsammlung der Familie beherbergt - darunter Werke von Picasso, Matisse, Manet und Renoir.

Stätte der 20. Olympischen Winterspiele

Dem Anfang 2003 verstorbenen Familienpatriarchen Giovanni Agnelli wird auch erheblicher Einfluss auf Turins erfolgreiche Olympiabewerbung zugeschrieben. So verwundert es nicht, dass das Büro des Organisationskomitees für die XX. Olympischen Winterspiele im Lingotto zu finden ist - und auch das Olympische Dorf soll in einem Zwei-Kilometer-Radius rund um die alte Fabrik entstehen, so Komitee-Mitarbeiter Loris Gherra.

Er erläutert die geplanten Umbaumaßnahmen in der Stadt: Das alte Juventus-Stadion wird für die Spiele umgebaut, die U-Bahn erweitert, neue Züge sollen die Wintersportorte in den Bergen wie Sestriere, Pragelato und San Sicario mit Turin verbinden. "In 40 Minuten sind Sie per Zug in den Bergen", so der Sprecher. Der Ort der Winterspiele sei insofern klug gewählt: Wer vom Sport genug habe, könne ja immer noch ins Theater oder ins Museum gehen.

Thomas Kärst, dpa - Fotos: gms

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