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Kiew - eine Stadt im Wandel

Aufbruch am Großen Wasser

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Historische Gemäuer erstrahlen in frisch vergoldetem Glanz - herausragendes Beispiel ist die 1998 wiederaufgebaute Michailowski- Kirche.

Kiew - Tschernobyl, den Ort der Reaktorkatastrophe von 1986, kennt jeder. Weit weniger bekannt dagegen ist das etwa 80 Kilometer weiter südlich liegende Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Dabei handelt es bei der Ukraine um den flächenmäßig größten Staat des geographischen Europas, bei Kiew um eine uralte Kulturstadt und beim Dnjepr um den - nach Wolga und Donau - drittlängsten Strom des europäischen Kontinents.

Das "große Wasser", wie persische Kaufleute den Dnjepr im frühen Mittelalter tauften, war Teil des europäischen Fernhandelsnetzes und verband Byzanz mit Skandinavien. In Kiew bestimmt er bis heute das Leben: An klaren Herbstwochenenden trifft sich die halbe Stadt zu ausgedehnten Spaziergängen rund um die Venetsianska-Bucht, ab dem Frühling tummeln sich dort die Ausflugsschiffe, und im Sommer balgen sich die Kinder an den schönsten Badestränden der Truchaniv-Insel - all das trotz der radioaktiven Belastung.

Das Erbe der Sowjetunion ist höchst präsent

1986 hatten die rund drei Millionen Einwohner der Stadt Glück im Unglück, Rettung brachten die günstigen Winde. Zwar warnen unabhängige Institute vor der Bedrohung durch das verseuchte Wasser. Aber die Menschen in Kiew versuchen nach Kräften, sich mit der Vergangenheit zu arrangieren.

In vielerlei Hinsicht ist das Erbe der Sowjetunion immer noch höchst präsent. An der westlichen Uferseite des Dnjepr ragt ein Steilhang auf, hier erhebt sich - unweit des Kiewer Stadtzentrums und weithin sichtbar - der "Bogen der Völkerfreundschaft". Das stahlglitzernde Monument wurde in der Endphase des Sowjetregimes errichtet und sollte die Einigkeit der sozialistischen Sowjetrepubliken beschwören.

Businessmen neben ärmlich gekleidete Renterinnen
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Weltweit eines der wichtigsten Heiligtümer des orthodoxen Christentums - für Touristen ist das Kloster Lawra auch wegen seiner labyrinthartigen Höhlengänge interessant.

Auf dem Kontraktowa-Platz, einem der Haupthandelsplätze des vorrevolutionären Kiews, wurde die Entsorgung der Vergangenheit schlicht übersehen: Eine kleine Steinplakette preist die Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung von 1917 immer noch als eine proletarische Großtat.

Wie sehr Kiew noch zwischen sozialistischer Vergangenheit und kapitalistischer Gegenwart schwankt, zeigt sich besonders deutlich am Kryschatek, der aufwendig renovierten Flaniermeile. Vor den Auslagen aller wichtigen europäischen Couturiers bieten ärmlich gekleidete Renterinnen Zigaretten oder Gemüse zum Verkauf an, während sich die neuen "businessmeni" mit einem Falken auf dem Arm fotografieren lassen oder sich - das Handy als Insignie des jungen Wohlstands am Ohr - geschäftig geben.

Narben des stalinistischen Terrors bis heute nicht verheilt

Zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Kiews zählt die Hagia Sophia, ein Höhepunkt der frühen Kiewer Baukunst des 11. Jahrhunderts. Im 17. Jahrhundert wurde ein weithin sichtbarer Glockenturm hinzugefügt - mit seinem goldenen Dach und der reichen Außenbemalung das zentrale Vorbild für den Kiewer Barock. Zum touristischen Pflichtprogramm gehört auch die Lawra, berühmt wegen ihrer labyrinthartigen Höhlengänge. Das Kloster gilt weltweit als eines der wichtigsten Heiligtümer der orthodoxen Christenheit.

Der Hauptkirche der Lawra wurde 1941 gesprengt. Viele solcher Narben, entstanden durch den stalinistischen Terror der 30er Jahre und den deutschen Überfall, sind bis heute nicht verheilt. Gerade die sakralen Bauten zeigen damit, wie sehr die Architektur mit der bewegten politischen Geschichte Kiews verwoben ist. Wurden viele Kirchen und Klöster von Stalin zerstört, wird heute fast genauso intensiv deren Aufbau betrieben.

Auf der Suche nach einer nationalukrainischen Identität

Infos:

Die Ukraine unterhält noch kein staatliches Fremdenverkehrsamt. Informationen über die aktuellen Visa-Bestimmungen erteilt die Konsularabteilung der Botschaft der Ukraine, Albrechtstraße 26, 10117 Berlin (Tel.: 030/28 88 72 20, Fax: 030/28 88 72 19).

Nach historischen Plänen werden mitten in Kiew ganze Klöster komplett neu errichtet. Herausragendes Beispiel ist die 1998 wiederaufgebaute Michailowski-Kirche, die einst stalinistischen Bauplänen weichen musste und nun wieder eine mächtige Achse mit der Sophienkathedrale bildet.

Die neue Bautätigkeit ist Zeichen des Wandels und der Suche nach einer nationalukrainischen Identität. Hatten russische Historiker auch zu Sowjetzeiten einen im 9. Jahrhundert entstandenen Verband Kiewer Fürstentümer - den Kiewer Rus - zum Kern der russischen Nation idealisiert, reklamiert der ukrainische Staat seit 1992 diesen Mythos für sich. Als zweite Säule der ukrainischen Nation gilt die Herrschaft der Kosakenverbände im 17.Jahrhundert, die heute einen enormen Aufschwung erleben.

Volksfest rund um den Kryschatek gegen die Kälte
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Zwischen Mangelwirtschaft und Überfluss - das größte Warenangebot findet sich nach wie vor auf den so genannten Privatmärkten.

Auf Stadtführungen und in offiziellen Broschüren kommt daher leicht der Eindruck auf, als seien die orthodoxe Kirche, der Kiewer Rus und die Kosakenherrschaft die zentralen Elemente der ukrainischen Nation. Besonders im Winter fällt jedoch auf, wie stark Kiew nach wie vor von der 70-jährigen Sowjetzeit geprägt wird. Der Staat steuert die Beheizung aller Kiewer Haushalte immer noch zentral, das schlecht isolierte Fernwärmenetz wird dann zur Lebensader der Stadt. Allabendlich drängeln sich die Kiewer in den U-Bahnschächten rund um den Kryschatek und setzten den nur spärlich beheizten Wohnzimmern ein wahres Volksfest mit viel Bier, Wodka und Musik entgegen.

Gleichzeitig bekommen viele der im 19. Jahrhundert von reichen Kaufmannsfamilien und Zuckerbaronen errichteten klassizistischen Bürgerpaläste ihren ersten frischen Anstrich seit Jahrzehnten. Immer mehr Cafés und Restaurants öffnen ihre Türen. Eine touristische Infrastruktur bildet sich dagegen nur zögerlich. Hotels gibt es hauptsächlich in der Luxusklasse, die Übernachtungskosten liegen damit deutlich über dem durchschnittlichen europäischen Preisniveau. Kiew - eine Stadt im Aufbruch.

Matthias Wittrock, gms

Last edited: bn 03.12.2004 16:07