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Das "Buch des Okzidents"

Der Petersdom muss gelesen werden

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Zentrum der katholischen Christenheit - Touristen können auf dem Petersplatz im Vatikan regelmäßig Prälaten, Bischöfe und Kardinäle treffen.

Vatikanstadt - Wenn in der morgendlichen Leere des Petersdoms noch jeder Schritt widerhallt, können die wenigen Besucher einen vornehmen Herrn beobachten. Jeden Tag gegen 8.00 Uhr schreitet der Mittvierziger im Einreiher bedächtig den selben Weg im Gotteshaus ab:

Vom meist unbeachteten Stuart-Mausoleum Antonio Canovas bis zum Mittelschiff mit dem Marmor aus Carrara und gefärbtem Jaspis-Mineral aus Sizilien. Dann hält er bei Michelangelos Pietà inne, um abschließend vor dem Portal der Basilika einen Blick auf den Petersplatz zu werfen und sich genüsslich eine Zigarette anzuzünden.

Nur am frühen Morgen findet der Kunsthistoriker Alfredo Maria Pergolizzi die nötige Muße für seinen Rundgang durch das größte christliche Gotteshaus der Welt, das täglich von ungezählten Besuchern Roms bestaunt wird. Und obwohl die Religion heute in den westlichen Gesellschaften nicht mehr den gleichen Stellenwert hat wie früher, ist der Dom noch immer der Traum vieler Italienreisender.

"Man muss sich die Basilika erkämpfen"

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Fest für Architektur- Historiker - die Kuppel des Petersdoms, die sich hier ein wenig hinter den Statuen auf der Fassade des Gotteshauses versteckt, wurde von Michelangelo entworfen.

"Ach, Träume", seufzt Pergolizzi. "Die Menschen haben doch längst das Träumen verlernt. Nur die wenigen, die es noch können, werden hier ein Ziel ihrer Träume finden.". Spricht der eloquente Mann von der Basilika, macht er dies über den Umweg von Zitaten: Er greift auf Fedor Dostojewskij und Stendhal zurück und für deutschen Besuch schon mal auf Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. Über den Petersdom zu sprechen, heißt für ihn vor allem, zu philosophieren: "Man muss sich die Basilika erkämpfen", sagt er, "mit der Zeit und Stück für Stück." Niemand, wirklich niemand dürfe sagen, dass er die Basilika gesehen habe, wenn er nur hinein und wieder hinaus gehe.

Michelangelos Pietà zur Bronzefigur des "thronenden Petrus"

Und die meisten Reisenden machen eben dies: Sie strömen hinein im Sog der geführten Reisegruppen und kreisen die übliche Runde entgegen des Uhrzeigersinns: Von Michelangelos Pietà zur Bronzefigur des "thronenden Petrus", vom Papstaltar mit Gian Lorenzo Berninis Baldachin bis zu den vatikanischen Grotten und den Papstgräbern. "Die wenigsten Reisenden können die Basilika tatsächlich verstehen", klagt Pergolizzi. In der Tat, zu viel des göttlichen Übermaßes bietet sich dem Auge des Betrachters: Als der französische Autor Stendhal die Basilika erblickte, soll er deshalb gar in einen rauschartigen Zustand verfallen sein - vom Stendhal-Syndrom spricht man heute.

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Die Kuppel des Petersdoms wirft am frühen Abend lange Schatten - die Grenze zwischen dem Vatikan und der Stadt Rom geht mitten durch das Häusermeer.

Wer versucht, genau hinzusehen, kann heute noch Teile des ursprünglichen Gotteshauses, der Konstantin-Basilika, entdecken, zum Beispiel an manchen Marmorsäulen oder in den vatikanischen Grotten. Knapp ein Jahrhundert nachdem Kaiser Konstantin im Jahre 313 den Christen die freie Religionsausübung zugestand, wurde die Basilika geweiht. In der fünfschiffigen Ziegelsteinkirche mit dem enormen Säulenatrium wurden bis ins 15. Jahrhundert hinein die Kaiser gekrönt. Auf dem angrenzenden Campo Santo Teutonico fanden deutsche Pilger, die in Rom starben, ihre letzte Ruhestätte. Der Friedhof ist im Besitz der deutsch-flämischen "Erzbruderschaft zur schmerzhaften Muttergottes". Nur deutschsprachigen Touristen wird heutzutage der Besuch des Friedhofs von den Schweizer Gardisten gewährt.

Buch des Okzidents - der Kunst, der Politik und des Geistes

Erst Papst Julius II. war die Basilika nicht großartig genug: Ein neuer Dom, größer und eindrucksvoller als zuvor, sollte entstehen, beschloss er. Die Konstantin-Basilika wurde daher 1506 abgerissen, bekannte Baumeister und Künstler wurden engagiert: Donato Bramante, Raffaello Sanzio, Michelangelo Buonarroti. Noch bevor Gian Lorenzo Bernini ganz Rom seinen künstlerischen Stempel aufdrückte, wurde er im Alter von 25 Jahren erstmals zum Bau des Petersdoms hinzugezogen.

Beinahe hätte der Dombau einige Jahre später das vorzeitige Ende von Berninis Karriere gefordert: Beim Bau der beiden geplanten mittelalterlichen Türme drohte plötzlich das Fundament eines Turmes nachzugeben. Papst Innozenz X. warf dem Genie darauf Unerfahrenheit vor. Nur mit Glück und nachdem er den Turm auf eigene Kosten abreißen ließ, soll Bernini seinen Auftrag behalten haben.

INFO-KASTEN: VATIKAN

Päpstliche Nuntiatur in Deutschland, Berlin (Tel.: 030/61 62 40); Pilgerbüro im Vatikan (Tel. von Deutschland: 0039/06/689 17 97)
Internet: http://www.vatican.va.

"Sie müssen die Basilika lesen", sagt Alfredo Maria Pergolizzi. Der Petersdom sei ein vollständiges Buch des Okzidents - der Kunst, der Politik und des Geistes. "Lesen Sie die Basilika wie Literatur", so der Kunsthistoriker. "Bleiben Sie nicht an der Oberfläche stehen, dringen Sie in die Tiefe vor." So wie man bei einem Buch zunächst bloß auf den Inhalt achte, dann eine Erzählstruktur erkenne und schließlich die Psychologie der literarischen Figuren wahrnehme.

"Die Basilika hat mich bezwungen - Ich bin längst ihr Gefangener"

Vor allem sollte der Dom nicht nur "mit den Augen des Glaubens", sondern auch "mit den Augen der Kunst" gelesen werden. Und neugierig müsse man sein, sagt der Experte. Denn nur wer neugierig ist, könne sich auf ein Buch einlassen, und nur neugierige Menschen könnten die Basilika verstehen und sich so erkämpfen. Er selbst allerdings hat diesen Versuch längst aufgegeben. Erobern können habe er die Basilika nicht, sagt Alfredo Maria Pergolizzi. "Ach nein", lächelt er, "die Basilika hat mich bezwungen. Ich bin längst ihr Gefangener."

Dietmar Telser, dpa

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