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Venedig im Herbst:

Sagenumwoben und nebelverhangen

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Venedig im Herbst

Infos/Tipps

Venedig - Herbst in Venedig: Es gibt Tage, da sonnt sich die Lagune noch im milchigen Licht des verflossenen Sommers. Doch morgens und abends ziehen bereits erste Nebelschwaden über die Kanäle. Nicht ein einziger Gondoliere singt. Im Caffè Florian auf dem Markusplatz ziehen die Geiger ihre Walzerklänge müde in die Länge, als seien sie vom Sommer erschöpft. Und vor dem Dogenpalast schwanken die schwarzen Gondeln wie Särge auf den Wellen.

Venedig, Traumziel für Flitterwochen? In dieser Jahreszeit eher für Schwermütige, behaupten manche Psychologen. Doch wunderschön ist Venedig dennoch - auch im Herbst, gerade im Herbst.

Und mittendrin: Der geflügelte goldene Löwe

Am schönsten ist es am Lido, zum Beispiel im Hotel Des Bains: Knarrende Parkettböden, an den Wänden Gobelins, das Personal in Schwarz. Noch vor ein paar Wochen logierten hier während der Filmbiennale Regisseure und Schauspieler der Oberklasse. Jetzt kostet eine Junior Suite 786 Euro die Nacht. Dafür hat der Gast den gleichen Blick auf die graue Adria wie einst Thomas Mann. "Die unwahrscheinlichste der Städte" nannte er Venedig, dem man sich eigentlich nur über das Meer nähern dürfe.

Das kann man, wenn man auf dem Lido wohnt, jeden Tag. Während der Überfahrt nach San Marco mit dem Motorboot bringen die ersten Herbststürme den Kahn ins Schwanken. Der Blick auf die Stadt ist der schönste, den die "Serenissima" - die "Erhabenste", wie Venedig gelegentlich auch genannt wird - zu bieten hat. Rechterhand lässt das Boot die Luxushotels Gritti und Danieli liegen, dann die Seufzerbrücke - es geht direkt auf den geflügelten goldenen Löwen zu, mitten ins Herz von Venedig. "So sah er ihn denn wieder", lässt Thomas Mann seinen Venedigfahrer schwärmen, "den erstaunlichsten Landungsplatz, welche die Republik den ehrfürchtigen Blicken nahender Seefahrer entgegenstellt".

"Venedig ohne Touristen" gibt es nicht

Wer nicht will, braucht nicht auszusteigen, sondern kann auf dem Canal Grande gleich weiterfahren - vorbei an den großen Palazzi, dem Prunk und der Pracht, bis zur Rialtobrücke, dem Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Natürlich kann der Besucher auch durch die Gassen schlendern, über die 400 Brücken der Wasserstadt. Doch nirgends fallen der Reichtum, die Verschwendung, der Luxus und die einstige Macht der Seerepublik besser ins Auge als vom Canal Grande aus. Jahrhunderte lang hatte Venedig die Adria beherrscht, ihre Händler brachten aus dem Orient Gewürze nach Hause - noch heute umgibt die Renaissancepaläste ein Hauch von Morgenland.

"Es gibt ein Stück in Venedig, das alle sehen wollen", schrieb ein Kenner vor Jahrzehnten, "das Stück heißt Venedig ohne Gäste". Immer wieder stricken Tourismusunternehmer an der Illusion "Venedig, wie es Touristen nicht kennen". Es gibt Besucher, vor allem aus Deutschland oder aus Amerika, die schwören darauf, nur an Weihnachten dürfe man die Wasserstadt besuchen, andere kommen nur zwischen den Jahren, oder im Januar oder im Herbst. Doch das Stück "Venedig ohne Touristen" ist längst vom Spielplan abgesetzt.

Ramsch und Romantik wohnen Tür an Tür

Traum und Albtraum liegen in der Touristenfalle Venezia so nah beieinander wie nirgendwo sonst: Wer durch die Gassen schlendert, muss vorbei an Billigrestaurants und Billiggeschäften, die rund um das Jahr Karnevalsmasken anbieten. Längst gibt es Hamburgerläden reihenweise in der Stadt, allgegenwärtig sind die Straßenverkäufer mit gefälschten Rolexuhren. Das alles dicht gedrängt, auf engstem Raum. Um Venedig vom Markusplatz bis zum Bahnhof Santa Lucia zu durchqueren, braucht nicht viel länger als eine gute halbe Stunde.

Touristisches Muss: Die Fahrt in der Gondel

Wer kann, weicht aus auf das Wasser. Und wer über genügend Geld verfügt, wählt das Non-plus-Ultra der Fortbewegung. Niemand hat das sanfte Wiegen, das lautlose Gleiten einer Gondelfahrt besser beschrieben als Thomas Mann. Von "süßer Lässigkeit" sprach der Dichter, von einem "seltsamen Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unverändert überkommen, und so eigentümlich schwarz, wie es sonst unter allen Dingen nur Särge sind." 120 Euro die Stunde kostet der Luxus heute, bis zu fünf Passagiere dürfen ins Boot, die meisten Gäste sind Japaner.

"Und hat man bemerkt", schrieb der Dichter vor 90 Jahren, "dass der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, üppigste, der erschlaffendste Sitz von der Welt ist?" Der Luxus der Gondelfahrt ist heute immer noch der gleiche, man riecht Salz und Meer, das Moos an den Palästen ist zum Greifen nahe. Nur ein paar Meter ist man von den Fremden in den Gassen und auf den Brücken entfernt - in Wahrheit liegen zwischen Fußgänger und Gondelfahrer Welten.

INFO-KASTEN: Venedig

Italienisches Fremdenverkehrsamt ENIT, Kaiserstraße 65, 60329 Frankfurt (Tel.: 00800/00 48 25 42, Fax: 069/23 28 94, E-Mail: enit.ffm@t-online.de, Internet: http://www.enit.it).

Trug und Traum im herbstlich-trüben Nebel

Wenn der Nebel aufzieht, ertönen die dumpfen Signalhörner der Motorboote. Aber es singt kein Gondoliere mehr. Dabei war es dies, was Goethe so faszinierte: "Als Stimme aus der Ferne klingt es höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas Unglaubliches, bis zu Tränen Rührendes."

Heute müssen sich die gestressten Gondolieri mit ganz anderen Dingen herumschlagen, mit den motoscafi etwa, den schnittigen Taxibooten, die immer schneller über die Kanäle rasen und immer höhere Wellen aufwerfen. "Auf dem Canal Grande geht es zu wie auf einer Autostrada", schimpfen die Gondellenker. Von sanftem Wiegen keine Spur. Mag Venedig vielen Italienern als ein Trug- und Traumbild in den Augen der ausländischen Touristen gelten, die Besucher stört das nicht im Mindesten. Im herbstlich-trüben Nebel sind Trug und Traum sogar am schönsten.

Peer Meinert, dpa

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