Rumänien: Wölfe und Luchse locken Naturtouristen
Urlaub bei europäischen Großraubtieren
"Nirgends in Europa leben so viele große Raubtiere auf so engem Raum zusammen wie in den rumänischen Karpaten." Christoph Promberger möchte gemeinsam mit seiner Frau Barbara heraus bekommen, wie die 5000 Bären, 3000 Wölfe und 2000 Luchse mit den fünf Millionen Menschen in der Region auskommen.
Rumänische Schäfer klagen über Wölfe, die Tiere aus ihrer Herde reißen. Doch die Verluste durch Abstürze und Krankheiten liegen höher.
|
Und da der Wolf auch in die Schweiz und nach Deutschland zurückkehrt, hat der WWF das in den vergangenen zehn Jahren durchgeführte "Carpathian Large Carnivore Project" (CLCP) der beiden Biologen unterstützt. Wie er sich auf den Almen in mehr als 1400 Metern Höhe, unter den schroffen Gipfeln der Südkarpaten, dagegen wehrt, dass Wölfe zu viele von seinen 1000 Schafen holen, erzählt Iustin Pruna: Er lässt Welpen bei den Mutterschafen säugen. Die Hunde lernen die Schafherde daher als ihr Rudel kennen, das sie im Notfall mit aller Kraft verteidigen. Da die Schäfer ihren Hunden auch noch ein Lederband mit nach außen ragenden Eisennägeln um den Hals binden, können die Raubtiere ihren tödlichen Biss in die Kehle nicht anbringen. Meist gehen daher die Hunde als Sieger aus einem solchen Angriff hervor.
"Schäfer schlafen nachts mit offener Tür"
"Meine Schäfer schlafen nachts mit offener Tür", erklärt Iustin Pruna einen weiteren Trick: So können die Wölfe den Menschengeruch aufschnappen, den sie so sehr hassen, dass sie sich möglichst fern halten. Außerdem hören die Schäfer so auch im Schlaf einen angreifenden Bären und eilen ihren Hunden rasch mit einer Fackel zu Hilfe. "Die Raubtiere holen trotzdem einige Tiere, aber damit müssen wir leben", berichtet Pruna.
Barbara und Christoph Promberger wollten es genauer wissen. Sie haben 15 Wölfe, einige Bären und ein paar Luchse gefangen, mit Radiosendern versehen und wieder freigelassen. Mit Hilfe einer Peil-Antenne verfolgen sie die Tiere und bekommen mit der Zeit deren wichtigste Beute heraus: Wölfe hetzen meist Rothirsche, aber auch gerne mal ein Wildschwein. Der Luchs lauert vor allem Rehen auf, versucht sich aber auch hin und wieder an einer Gämse. Der Bär dagegen entpuppt sich als überwiegender Vegetarier, frisst Gras, Bucheckern, Himbeeren und plündert manchen Obstgarten.
Tourismus statt Abschuss
Anderthalb bis zwei Prozent der Schafe holen Großraubtiere jedes Jahr aus einer Herde, zeigen Untersuchungen. Für zwei Drittel dieser Verluste sind Wölfe verantwortlich, der Bär holt das restliche Drittel, der Luchs hat gegen die Hunde keine Chance. Die Verluste durch Abstürze oder Krankheiten sind höher. Die Schäfer sehen das natürlich anders und klagen sehr über die Raubtiere. Da die Mitarbeiter vom CLCP ihr Studienobjekt vor dem Abschuss retten wollen, sinnen sie auf bessere Abwehrmaßnahmen. Sehr große Sicherheit bringt etwa ein Elektrozaun, der mit einer Autobatterie betrieben wird. Iustin Pruna würde sich einen solchen Zaun auch auf eigene Kosten anschaffen, denn der kostet weniger Geld, als die Wölfe in einem Jahr an Schäden anrichten.
Aber warum die teure Investition machen, wenn man die Räuber auch abschießen kann, werden sich die Menschen in Transsilvanien fragen. "Sie werden Wölfe, Bären und Luchse nur akzeptieren", erklärt Christoph Promberger, "wenn sie selbst etwas von den Tieren haben." Geld verdienen aber kann man mit den Raubtieren nur, wenn Touristen aus dem Westen sie bewundern. In der Stadt Zarnesti in den rumänischen Südkarpaten ist die Hälfte der Menschen arbeitslos. Neue Chancen bieten sich nur im Tourismus. Einzelne nutzen diese inzwischen, bauen einige Räume in ihrem Haus zu Fremdenzimmern aus.
Schneeschuh-Wanderungen und Reittouren
Die Prombergers sorgen für einen Mindeststandard: Eigene Dusche und WC ist in Rumänien noch lange nicht üblich - in Zarnesti schon. Und der Naturtourismus funktioniert dort. 150 Arbeitsplätze wurden geschaffen, vom Pferdefuhrwerk-Besitzer bis zum Fremdenführer.
Im Winter werden Schneeschuh-Wanderungen angeboten, im Sommer Reittouren. Ein Fahrradverleih hat aufgemacht. Der Souvenir-Laden garantiert mit selbstgestrickten Pullovern und Holzschnitzereien 85 Menschen den Mindestlohn. Bis zu 300.000 Euro bleiben jährlich durch den Tourismus in der Gegend, der Schutz der Schäfereien dagegen kostet allenfalls 50.000 Euro. Die Großraubtiere rentieren sich - das haben die Menschen in Zarnesti inzwischen gelernt.
Rhein-Zeitung - Foto: WWF/Chris Martin
|