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Kultur

«2-3 Straßen» und viele Geschichten

Dortmund (dpa) ­ Eine belebte Kreuzung von sechs Straßen, Türken- Imbiss und Fan-Shop der Borussia: Der Borsigplatz in der Dortmunder Nordstadt sieht auf den ersten Blick wirklich nicht aus wie eines der größten Kunstprojekte im Kulturhauptstadtjahr.

Doch das Ruhr.2010- Programm hat rund um den Platz, der nicht zu den besten Gegenden Dortmunds zählt, schon einiges verändert: Für das Kunstwerk «2-3 Straßen», eine Erfindung des renommierten Konzeptkünstlers Jochen Gerz, sind in den vergangenen Wochen 31 Menschen aus aller Welt hierhergezogen. Ein Jahr lang beobachten sie ihre Umgebung, wirken auf sie ein und führen Tagebuch darüber.

Insgesamt 78 Ortsfremde hat Gerz eingeladen, für ein Jahr mietfrei in drei Straßen des Ruhrgebiets in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr zu wohnen. Im Gegenzug schreiben die Teilnehmer ihre Erfahrungen auf, die nach Ende des Kulturhauptstadtjahres in einem Buch veröffentlicht werden. In einem mehrstufigen Verfahren hat Jochen Gerz seine Mieter ausgewählt. Am Mittwoch hat der Künstler sein ehrgeiziges Projekt, für das sich rund 1500 Menschen aus mehr als 30 Ländern beworben hatten, in Dortmund vorgestellt.

«Man kann nicht im Museum auf die Leute warten, man muss mit der Kunst direkt in ihre Welt hinein», begründet Gerz sein Kunstwerk, das der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann als «eines der herausragenden Projekte der Kulturhauptstadt» bezeichnete. Die Schauplätze der Ausstellung sind gewöhnliche Straßen im Ruhrgebiet mit sanierten Wohnungen, die Wohnungsbaugesellschaften den Städten für ein Jahr kostenlos überlassen haben. Die Nebenkosten müssen die neuen Bewohner allerdings selbst tragen.

Die Mieter sind «ganz normale Menschen» völlig unterschiedlicher Herkunft und Motivation: Ein Autoren-Ehepaar ist aus reiner Neugier aus Japan ins Ruhrgebiet gezogen, ein Hartz-IV-Empfänger wagt einen Neuanfang in Dortmund, ein 68 Jahre alter Soziologe aus Zürich will gegen den Willen seiner Frau in Mülheim noch einmal etwas erleben. Die jüngste Mieterin ist gerade einmal 19 Jahre alt. «Aber trotz der vielen Unterschiede passt es einfach», erzählt die Teilnehmerin Eva Scheftewitz. Die 35-Jährige wohnt in der einzigen «vertikalen Straße», wie Jochen Gerz das Hochhaus in der Nähe des Mülheimer Hauptbahnhofs nennt, das jetzt 21 neue Mieter hat.

Eva Scheftewitz ist mit ihrem Freund aus München dort eingezogen. Über ein Jahr lang hatte sie zuvor per E-Mail Kontakt mit Jochen Gerz und seinem Team. Am Ende war das «Abenteuer Ruhrgebiet» beschlossene Sache. Mit einer spontanen Silvester-Party sind sie und die anderen Mieter gemeinsam in das Kulturhauptstadtjahr gestartet. «Wir sind uns schon jetzt alle sehr nahe», sagt sie. Jochen Gerz geht es aber vor allem darum, dass die bisherigen Bewohner in den Straßen eine Veränderung bemerken. Seine Mieter leben gewollt «in Gegenden, wo es Defizite gibt, wo viele Migranten wohnen». Diese Menschen seien häufig noch nicht richtig in ihrer Umgebung angekommen.

Um die alteingesessenen Mieter in das Projekt einzubinden, verteilt Gerz Laptops, mit denen auch sie ihre Erfahrungen niederschreiben und merken können, «dass sie kreativ sind». An jeder Straße hat der Künstler außerdem ein Internetcafé eingerichtet.

Bisher schreibt Eva Scheftewitz jeden Tag auf, was sie in ihrer neuen Umgebung erlebt. Sie ist gerade dabei, sich als Schmuck- Designerin selbstständig zu machen. Nach dem Kulturhauptstadtjahr können sie und die anderen Mieter entscheiden, ob sie in ihrem neuen zu Hause wohnen bleiben wollen. Wenn es nach Gerz geht, legen die Städte und Wohnungsbaugesellschaft über die Ruhr.2010 hinaus noch ein mietfreies Jahr «2-3 Straßen» drauf. «Die Städte sollen am Ende sagen: Hier ist was passiert, hier herrscht ein anderes Klima.»

www.ruhr2010.de

dpa-infocom