pic Zählpixel
kalaydo leftkalaydo logo
RZ-Blog  |  Twitter  Mobil&RSS  |  Kontakt
suchen im
Lexikon
RZ-Online-Archiv
Zeitungs-Archiv
Internet
< Schnell-Navigation >
KinoWelt VideoWelt FotoWelt MeineWelt
Musical „Jihad“ sorgt in London für Aufsehen

Lachen über den Terror

London „Sagt, was ihr wollt über diese amputierten Militärs aus Afghanistan, aber wir werden ein verdammt gutes Team bei den Paralympischen Spielen 2012 haben“. Als der englische Satiriker Jimmy Carr sich diesen Witz erlaubt, hagelt es Proteste. Sie mögen vielleicht keine Scherze über ihre tapferen Soldaten hören, sonst ist den Briten jedoch gar nichts heilig. Die Komikertruppe Monty Python machte sich in „Das Leben des Brian“ über Jesus‘ Kreuzigung lustig.

Die populäre BBC-Serie „Blackadder“ veräppelte die infantile „Queenie“ Elisabeth I. Und der Spaßvogel Sacha Baron Coen strapazierte als Borat die Lachmuskeln seiner Landsleute, als er Amerikaner und Kasachen auf die Schippe nahm. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Inselnation mit Hang zum schwarzen Humor den Islam als neues Objekt ihrer Scherze aussuchen würde.

Vergessen sind die Warnungen vor dem religiösen Zorn der extremen Muslime, die den Briten Salman Rushdie nach den „Satanischen Versen“ in London untertauchen ließen. Die Metropole an der Themse amüsiert sich in diesen Wochen über singende Kamele, Kalaschnikow-schwingende, glutäugige Araberinnen in Burkas und schwule Möchtegern-Extremisten, die sich für schöne Kleidung mehr interessieren als für den „heiligen Krieg“ gegen Ungläubige, den Jihad. So heißt auch das neue antiislamistische Musical im Londoner West End, das nach den Worten seiner Schöpfer „die Angst der Menschen vor dem Terror weglachen“ soll.

Dazu lassen die Britin Zoe Samuel und der Amerikaner Benjamin Scheuer den jungen, naiven Blumenverkäufer Sayid aus Pakistan in die USA reisen, wo dieser von einer sensationsgierigen Reporterin Mary als vermeintlicher Terrorist in einer Fernsehreportage „entlarvt“ werden soll. Im Westen wird Sayid von einer bizarren Al Qaida-Zelle für ein Bombenattentat angeworben, zu dem die einfältigen und eitlen Islamisten jedoch gar nicht fähig sind. Es geht um „blinde“ Liebe zu verschleierten Extremistinnen, Zahnpasta als Sicherheitsrisiko und einen ruhmsüchtigen Saudi namens Arabella Husain, der ein Massenmörder werden will, um seine fehlende Männlichkeit zu kompensieren. In einer Szene tanzt Husain mit rosarot gekleideten Araberinnen und ulkigen Karton-Waffen auf der Bühne und singt: „Ich will so sein wie Osama (bin Laden – d. Red.), ich will Designer-Klamotten unter meiner Robe tragen und in meiner eigenen Al-Jazeera-Show auftreten“.

Das schräge antiterroristische Musical würde bei seiner Premiere 2007 auf dem Kulturfestival „Edinburgh Fringe“ bejubelt, aber auch scharf kritisiert. Fünf Wochen davor hatten zwei Islamisten in einem brennenden Auto voller Gasflaschen versucht, den Flughafen Glasgow in die Luft zu sprengen. Darüber zu lachen sei „ungeheuerlich“, befanden manche Politiker in Schottland, und einige Dutzend Theaterfans protestierten im Internet beim Premier Gordon Brown wegen „geschmacksloser Darstellung des Terrorismus und seiner Opfer“. Die Terroristen wollten die ganze Welt einschüchtern, „darum müssen wir diese Verrückten bloßstellen mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen“, rechtfertigen sich Samuel und Scheuer im „Daily Telegraph“. „Wir müssen uns über das amüsieren, was uns am meisten schreckt. Dann verliert das Böse seine Macht”

Für die Aufführungen in London haben die 27 Jahre alten Autoren ihr Musical aufgepeppt, ohne auf die bewährten Hits wie „Jihad Jive“, „Wir bauen eine Bombe“ und „Wenn wir Märtyrer sind“ verzichten zu wollen. „Jihad“ fiel bei der Kritik durch, doch das britische Publikum scheint am Lachen über den Terror Gefallen gefunden zu haben: Die Vorstellungen nach der Premiere am 8. Januar waren restlos ausverkauft.

Text & Bilder von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev