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Das "Aufgebot" hat ausgedient

Bonn (dpa) - Gut Ding will Weile haben. Vor 24 Jahren war die Eherechtskommission beim Bundesjustizministerium zu dem Schluß gekommen, daß das öffentliche Aufgebot vor der Eheschließung abgeschafft gehört. 16 Jahre später - Anfang 1988 - ließ das Ministerium wissen, die Abschaffung werde "schnellstmöglich" betrieben. Weitere acht Jahre danach war es soweit.

Das Bundeskabinett am Mittwoch schließlich eine Vorlage, mit der die über 100 Jahre alte, bedeutungslos gewordene Tradition beendet werden soll. Wenn die Anmeldung zur Eheschließung nicht mehr öffentlich beim Standesamt aushängt, trifft es höchstens Versicherungsvertreter, Babyausstatter oder Möbelhändler: Ihnen kommt eine Informationsquelle für ihre Kundenkartei abhanden.

Ein halbes Jahrhundert ohne Einwände

Dabei hatte das Aufgebot früher durchaus seinen Sinn. War jemand etwa schon verheiratet oder mit seiner Verlobten verwandt, wußte dies vielleicht nicht der Standesbeamte, aber irgendwer sonst in der näheren Umgebung. "Ehehindernisse" konnten gemeldet und geprüft werden. Doch seit einem halben Jahrhundert ist den Behörden auf diesem Wege nichts Relevantes bekanntgeworden.

Gleich im Paket mit dem Aufgebot werden weitere Vorschriften gestrichen, die in der Praxis kaum noch eine Rolle spielen. Wer seinen Schwager oder seine Schwägerin heiraten will, braucht künftig keine Sondergenehmigung mehr. Die hat er in der Praxis bisher auch stets erhalten. Kaum einer kann heute noch nachvollziehen, weshalb dieses Verbot überhaupt einmal eingeführt wurde.

Ähnliches gilt für die Zehn-Monats-Frist, die eine geschiedene Frau vor der Wiederverheiratung einzuhalten hatte. Die Vorschrift war längst ausgehöhlt, weil ein in dieser Zeit geborenes Kind nicht mehr automatisch dem geschiedenen Ehemann zugeschrieben wird.

Das Gespött aller Jura-Erstsemester wird abgeschafft

Und zu den alten Zöpfen, die jetzt abgeschnitten werden, gehört auch einer, den man kaum noch im Gesetz vermutete: das "Kranzgeld", das eine "unbescholtene Verlobte" laut Paragraph 1300 BGB einfordern kann, wenn ihr Verlobter von seinem Eheversprechen zurücktritt, nachdem sie ihm "die Beiwohnung gestattet" hat. Klaus Koch


Last edited: jo@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:31