IVWPixel Zählpixel

Fälle für Polizeiverhandlungsgruppe

Hamburg (dpa) - Bei Entführungen, Erpressungen und Bedrohungen beraten sie die Opfer, bei Geiselnahmen übernehmen sie die Verhandlungen mit gefährlichen Gewaltverbrechern - die Mitglieder der Polizeiverhandlungsgruppen (VG) müssen Fingerspitzengefühl, ein Gefühl für schwierige und gefährliche Situationen haben. Auch an dem Nervenkrieg bei der Geiselnahme in dem Eifelort Laubach-Leienkaul beteiligten sich Experten einer solchen Verhandlungsgruppe, unter anderem ein Polizeipsychologe. Polizeiverhandlungsgruppen gibt es in allen Bundesländern.

Entstanden sind die Spezialdienststellen in den 70er Jahren unter dem Eindruck der Flugzeugentführung von Mogadischu und dem tödlichen Verlauf der Rammelmayr-Geiselnahme in München. Am 4. August 1971 waren der 31jährige Bankräuber Hans-Georg Rammelmayr und eine 20jährige Bankangestellte, die er als Geisel genommen hatte, getötet worden, als Polizeischarfschützen auf den Räuber schossen. "Damals ist man zu der Erkenntnis gekommen, daß die Polizei umdenken muß. Gewalt sollte nur noch das allerletzte Mittel zum Eingreifen sein, statt dessen sollten neue Wege gegangen werden - das war der Beginn der Verhandlungsgruppen in allen Bundesländern", erzählt Polizeihauptkommissar Jörg Ziemke, Leiter der Hamburger Verhandlungsgruppe, über den Ursprung der Spezialeinheiten.

Psychologen inklusive

Die 22 Polizisten, die in Ziemkes Truppe mitarbeiten, haben ein spezielles Auswahlverfahren hinter sich. "Sie müssen Einfühlungsvermögen, eine gute Auffassungsgabe und Kommunikationsfähigkeit mitbringen und auch mit Kritik umgehen können", sagt Ziemke, der von Anfang an zu der 1977 ins Leben gerufenen Hamburger Verhandlungsgruppe gehört. Zu dem Team gehören neben Polizeibeamten auch zwei Polizeipsychologen und zwei Techniker.

Bei "Bedrohungslagen" wie Geiselnahmen versuchen die Experten zunächst, Kontakt zu dem Täter herzustellen. "Ziel ist zu erfahren, was überhaupt los ist, was der Täter will, beruhigend auf ihn einzuwirken und auf jeden Fall das Leben der Geisel zu schützen", erklärt Ziemke. "Der Täter hat ja eine unheimliche Streßsituation, er weiß nicht, was draußen los ist, und hat die Befürchtung, die Polizei dringt jeden Moment ein." Teilweise müssen Täter auch von unerfüllbaren Forderungen abgebracht und auf Fehler in ihren Planungen aufmerksam gemacht werden. "Häufig sind naive Vorstellungen da, wie schnell alles gehen soll", weiß Ziemke.

Für die Gesprächsführung werden die Mitglieder der Gruppe psychologisch geschult. Die Beamten müssen lernen, sich in die Situation anderer hineinzudenken und wissen, was in Extremsituationen in Geiselnehmer und Opfern vorgeht. Es müsse deutlich werden, daß die Polizei einen friedlichen Ausgang anstrebt.

Je länger - je gefährlicher

Je länger eine Geiselnahme, desto schwieriger wird auch der Job für die Verhandlungsgruppe: "Mit zunehmender Dauer solidarisieren sich häufig die Geiseln mit den Zielen des Täters und geben der Polizei die Schuld an der Situation", erklärt Ziemke. Die Argumentation von Geiselnehmern ("Das dauert ja nur so lange, weil ich mein Geld oder mein Fluchtauto nicht bekomme") werde dann häufig auch von den Opfern nachvollzogen. Außerdem wächst mit der Dauer die Gefahr, daß bei übermüdeten Tätern eine "Sicherung" durchbrennt. Hans-Jürgen Ehlers


Last edited: jo@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:32