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Geldstrafen für Pfadfinder-Betreuer

Angeklagte im Prozeß um das Tauzieh-Unglück: "Risiko war uns nicht klar"

Westerburg (dpa/lrs) - Der Tod von zwei 10jährigen Koblenzer Pfadfindern bei einem Massentauziehen vor einem Jahr ist am Dienstag vom Amtsgericht Westerburg (Westerwaldkreis) mit Geldstrafen für die beiden Betreuer geahndet worden. Für den Richter hatten die 23jährige Vorsitzende des Bezirks Koblenz der St. Georgs-Pfadfinder und der 26jährige Leiter eines Pfadfinderstammes fahrlässig gehandelt, als sie das Tauziehen mit einem zu schwachen Seil zuließen.

Nicht nur der Tod der beiden Jungen, sondern auch die teils erheblichen Verletzungen von mehr als 100 der 650 Teilnehmer hätten ihre Ursache in vernachlässigter Sorgfaltspflicht.

"Tod nicht vorraussehbar"

Allerdings erkannte das Gericht in dem Urteil nur auf zehn Fälle von fahrlässiger Körperverletzung. Die angeklagte fahrlässige Tötung sah Richter Hans Helmut Strüder nicht, da der Tod der beiden Jungen nicht voraussehbar gewesen sei. Allerdings hätten Verletzungen bei dem Massentauziehen einkalkuliert werden müssen. Strüder wörtlich: "Sie haben das Beste gewollt, die Gefahrenlage aber völlig verkannt." Das Gericht zog die acht angeklagten Körperverletzungen mit den beiden Todesfällen zusammen. Der Leiter des Pfadfinderstammes, auf dessen Idee das Tauziehen zurück ging, wurde zu 50 Tagessätzen zu 20 Mark, die Leiterin des Bezirks zu 25 Tagessätzen zu 20 Mark verurteilt. Die Strafen wurden nicht zur Bewährung ausgesetzt.

Daumendickes Seil riß mit lautem Knall

Der Freizeitspaß, der am Pfingstsonntag 1995 so furchtbar endete, war Teil eines großen Pfingstlagers der katholischen Pfadfinder mit insgesamt über 3000 Teilnehmern. Ort war das Bundeszentrum in Westernohe im Westerwald. Das daumendicke Kunststoffseil riß nach 30 Sekunden mit einem lauten Knall. Für die Anwälte der Opfer hätten nicht nur die beiden jetzt verurteilten Betreuer von der Gefährlichkeit des Unternehmens wissen müssen, sondern auch andere Beteiligte. Auch hätte für mögliche Verletzungen vorgesorgt werden müssen. Aber nichts sei geschehen. Einer der Anwälte regte sogar eine Freiheitsstrafe für die beiden Betreuer an.

Die Staatsanwältin hatte betont, daß die Schuld der beiden Betreuer trotz der schrecklichen Vorkommnisse eher "im untersten Bereich der Verwerflichkeit" liege. Allerdings müsse auch bei ehrenamtlicher Tätigkeit Sorgfalt im Vordergrund stehen. Sie wiederholte die bereits vor Monaten gestellten Strafanträge von jeweils 90 Tagessätzen zu 30 Mark, ausgesetzt zur Bewährung. Die Verteidiger hatten Freispruch für die beiden Studenten gefordert, die seit Jahren ehrenamtlich für die Pfadfinder arbeiten. Es gäbe trotz TÜV-Gutachten nämlich keine Feststellungen zu der tatsächlichen Belastung des gerissenen Seils, und somit könne auch die Fahrlässigkeit nicht belegt werden.

Das dpa-Foto zeigt die Nebenkläger Ernst und Christiana Binotsch (hintere Reihe) sowie Dieter und Brigitte Heinrich und Andreas Schäfer mit ihren Anwälten.


Last edited: tk@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:31