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Köpke düpiert Stuttgart:

Wechsel nach Barcelona perfekt

Manchester (dpa) - Nationaltorhüter Andreas Köpke hat sich vertraglich an den FC Barcelona gebunden, steht aber beim VfB Stuttgart im Wort. Sein Manager Karl Ortegel bestätigte am Sonntag, daß er in Köpkes Namen einen Zwei-Jahres-Vertrag beim katalanischen Renommierverein unterschrieben habe.

"Die Geschichte ist perfekt", sagte Ortegel und warf den Stuttgartern vor, sie seien selbst schuld, daß der vor zehn Tagen als perfekt gemeldete Wechsel zu den Schwaben geplatzt sei: "Im Vertrag waren Ungereimtheiten, über die man hätte sprechen müssen. Der VfB wollte aber erst nach der EM darüber reden." Köpke selbst wollte nicht vor dem Kroatien-Spiel zu dem dreist anmutenden Sinneswandel Stellung beziehen. Am Samstag hatte er lediglich mitgeteilt: "Im Moment kann und will ich nichts sagen."

Berater meldet Zwei-Jahres-Vertrag

Beim mehrmaligen Europapokalsieger FC Barcelona, für den Vizepräsident Joan Gaspart die Verhandlungen geführt hatte, erhieltKöpke einen Vertrag bis 1998 plus einjähriger Option mit einem Netto-Jahresgehalt zwischen 1,5 und 2 Millionen Mark. Dagegen schauen der VfB Stuttgart und Köpkes Ex-Verein Eintracht Frankfurt in die Röhre. Ende vergangener Woche hatte der 34jährige dem VfB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder mündlich zugesagt und sich auf einer Pressekonferenz in der Nähe des deutschen EM-Quartiers Mottram Hall bereits als Neuzugang mit dem Stuttgarter Trikot präsentieren lassen. Und die Frankfurter, die sich mit den Schwaben auf 600 000 Mark Ablöse verständigt hatten, gehen nun leer aus, da Köpke ablösefrei ins Ausland wechseln darf.

Die überraschende Wende lösten bei beiden Bundesligisten großen Wirbel aus. Mayer-Vorfelder, der sich mit Bundestrainer Berti Vogts mit Rücksicht auf das EM-Viertelfinale auf ein "Stillhalteabkommen" verständigt hatte, ließ durchblicken, daß er sich in einer starken Position sehe. "Er hat beim VfB kein vertragsähnliches Formular unterzeichnet, geschweige denn einen Vertrag", dementierte hingegen Ortegel Spekulationen, wonach sich der 34jährige Torhüter auch an die Schwaben schriftlich gebunden habe.

Zugleich kritisierte der 52jährige Kaufmann, der mit Köpke bei zwei Firmen Geschäftspartner ist, die Verhandlungspraktiken des VfB. Der Vertrag, den der Bundesligist dem Torhüter vorgelegt hatte, "war in dieser Form nicht zu unterschreiben", sagte Ortegel. Die Verhandlungen über Nachbesserungen waren für den 13. Juni im deutschen EM-Quartier anberaumt gewesen. "Doch dann wollte Mayer-Vorfelder nichts besprechen und Andreas nur schnell als Neuzugang präsentieren. Da wußten wir, daß wir in eine ganz schlechte Position geraten", schilderte Ortegel.

Stuttgart: "Er steht bei uns im Wort"

Köpke ließ sich damals zwar zur Präsentation im Mercedes-Club überreden, nicht aber zur Vertragsunterschrift. Denn fast zeitgleich nahm der FC Barcelona die zunächst eingeschlafenen Gespräche mit dem Torhüter wieder auf. Ausschlaggebend dafür war weniger Köpkes Weltklasse-Leistung beim 0:0 gegen Italien, sondern der geplatzte Transfer des portugiesischen Torhüters Vitor Baia. Wegen zu hoher Gehaltsforderungen des Spielers und überzogenen Ablöse-Vorstellungen des portugiesischen Meister FC Porto, der elf Millionen Mark verlangte, nahmen die Katalanen von der geplanten Verpflichtung Abstand.

Köpke, der als erster deutscher Torhüter ins spanische Fußball-Oberhaus wechselt, war ohnehin der Wunschkandidat des neuen englischen Trainers Bryan Robson, der Johan Cruyff ablöste. Am Freitag flog Ortegel nach Barcelona. Nachdem Köpke ihn am späten Abend per Fax zur Unterschrift bevollmächtigte, verkündete Gaspart nach Mitternacht, man hätte Europas besten Torhüter unter Vertrag genommen.

"Handschlagvertrag mit Mayer-Vorfelder nichts wert?"

Ob und wie sich der FC Barcelona, einer der bestgeführtesten Vereine der Welt, mit den Stuttgartern über eine "Aufwandsentschädigung" einigen wird, ist derzeit noch offen. Kampflos wollen die Schwaben das Feld jedoch nicht räumen, da Köpke "bei uns im Wort steht", meinte das geschäftsführende Vorstandsmitglied Ulrich Schäfer. Die besondere Brisanz des Wortbruchs verdeutlichte Frankfurts Manager Bernd Hölzenbein: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Handschlagvertrag mit Mayer-Vorfelder als Ligaausschuß-Vorsitzendem und VfB-Präsidenten nichts wert sein soll." Von Oliver Hartmann, dpa

Last edited: to@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:34