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Von den Protesten der Kleinsparern zu landesweiten Unruhen

Krise begann vor zwei Monaten

Tirana, 14. März (AFP) - Der Zusammenbruch mehrerer dubioser Anlagefirmen Mitte Januar, durch die Tausende Sparer ihr gesamtes Vermögen verloren, ist der Tropfen gewesen, der in Albanien das Faß zum Überlaufen brachte. Die Proteste in der Hauptstadt Tirana griffen rasch auf weite Teile des Landes über.

Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich die südalbanische Hafenstadt Vlora zum Zentrum der regierungsfeindlichen Demonstrationen. Die Führung des Landes scheint machtlos gegenüber den Rebellen, die inzwischen ein Viertel des albanischen Gebiets kontrollieren. AFP dokumentiert im folgenden die Ereignisse der vergangenen zwei Monate:

Januar

15: In Tirana kommt es zu Unruhen vor dem Sitz der Anlagefirma Sjuda.

16: Demonstrationen in Tirana. Das Rathaus von Vlora wird angegriffen.

23: Das Parlament stimmt einem Gesetz zu, das Anlagefirmen, die nach dem Pyramidensystem aufgebaut sind, verbietet.

26: Die sozialistische Opposition fordert den Rücktritt der Regierung und vorgezogene Neuwahlen. Das Parlament nimmt ein Gesetz an, das die Macht des Präsidenten stärkt.

30: Acht Oppositionsparteien schließen sich zu der Koalition "Forum für die Demokratie" zusammen.

Februar

9: 20.000 Menschen demonstrieren in Vlora.

10: Erneut Unruhen in Vlora, bei denen zwei Menschen sterben und 100 verletzt werden.

11: 30.000 Menschen demonstrieren in Vlora.

12: Absetzung des Polizeichefs von Vlora.

20: 14 Abgeordnete der regierenden Demokratischen Partei fordern den Rücktritt der Regierung.

27: Mehr als 20.000 Menschen demonstrieren in Vlora.

März

1: Beginn der Aufstände im Süden des Landes. Es kommt zu Plünderungen in öffentlichen Gebäuden und in Militärdepots. Die Regierung von Aleksander Meksi tritt zurück.

2: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wird der Ausnahmezustand ausgerufen. Gleichzeitig werden eine Ausgangssperre und ein Versammlungsverbot verhängt.

3: Staatspräsident Sali Berisha läßt sich vom Parlament im Amt bestätigen.

4: Die Staatsführung wirft der Armee Passivität gegenüber den Rebellen vor und setzt Generalstabschef Sheme Kosova ab. Der frühere österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky wird zum Sondergesandten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OSZE) in Albanien ernannt.

6: Nach dem ersten gemeinsamen Treffen rufen Albaniens Führung und die Opposition die Rebellen zur Ruhe auf. Die Aufständischen kontrollieren inzwischen sechs Städte.

7: Die Rebellen weigern sich, ihre Waffen abzugeben, obwohl die Führung ihnen eine Amnestie und eine 48stündige Unterbrechung der Militäraktionen anbietet.

8: Die Rebellen erobern Gjirokaster. Vranitzky trifft zu einem 24stündigen Besuch in Albanien ein.

9: Führung und Opposition schließen ein Abkommen zur Bildung einer Regierung der "nationalen Versöhnung" und beschließen, noch vor Juni Neuwahlen abzuhalten. Präsident Berisha vespricht eine Generalamnestie.

10: Die Politiker scheinen machtlos gegenüber den bewaffneten Rebellen, die sechs weitere Ortschaften erobern und damit ein Viertel des albanischen Gebiets kontrollieren.

11: Präsident Berisha und die Opposition bestimmen Bashkim Fino, Mitglied der Sozialistischen Partei, zum neuen Ministerpräsidenten.

12: Die Bewohner von Shirgjan plündern eine Waffenfabrik. In Tirana beginnen Einwohner, die Miltärschule zu plündern. Ernennung der Regierung der nationalen Versöhnung: Verteidigungsminister wird Shaquir Vukaj von den Sozialisten, neuer Innenminister ist Belul Cela von der Demokratischen Partei.

13: Der von bewaffneten Zivilisten geplünderte Flughafen von Tirana wird ebenso geschlossen wie der Flughafen von Durres. Innerhalb von 24 Stunden werden nach Angaben des albanischen Fernsehens im Norden des Landes sieben Menschen getötet und mehr als 24 weitere verletzt. Mindestens drei Menschen werden in Tirana durch Schüsse verletzt, etwa 50 weitere werden verletzt in Krankenhäuser eingeliefert. 600 Gefangene fliehen aus dem zentralen Gefängnis von Tirana, unter ihnen auch Fatos Nano, Führer der Sozialistischen Partei, und Ramiz Alia, der letzte kommunistische Präsident Albaniens. Berisha und alle Parteien rufen Europa zu einer Militärintervention in Albanien auf.


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:13 von jo