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  • Siehe auch: Websurfer überlebte seine Schöpfer

    Sektenmitglieder: Für "astrales Sein" . . .

    Alles Irdische zurückgelassen

    Einige waren kastriert - "Jeder hat es aus eigenem Antrieb gemacht"


    Sektenführer Marshall Applewhite
    Fotomontage aus AP-Bildern: jo
    San Diego (AP) - Für ihre vermeintliche Erhebung in ein neues astrales Sein haben 39 Mitglieder der Sekte Heaven's Gate alles Irdische hinter sich gelassen: ihre Familie, ihren Besitz, einige auch ihre Sexualität und schließlich ihr Leben. Am Osterwochenende tauchte die These auf, daß die Sektenmitglieder den angeblich bevorstehenden Tod ihres Anführers befürchteten und sich auch deshalb das Leben nahmen. Die Autopsie ergab allerdings keine Anhaltspunkte für eine Krebserkrankung von Kultführer Marshall Applewhite, wie Gerichtsmediziner Brian Blackbourne am Sonntag mitteilte.

    Nach Angaben Blackbournes waren einige männliche Sektenmitglieder kastriert. Die Kultgemeinschaft habe offenbar das Ideal einer androgynen Unsterblichkeit verfolgt. Die Kastrationen seien bereits vor längerer Zeit erfolgt und stünden nicht im Zusammenhang mit dem Selbstmordritual, fügte Blackbourne hinzu. Die meisten der 21 Frauen und 18 Männer, die am Mittwoch tot in einer Luxusvilla bei San Diego in Südkalifornien gefunden wurden, seien nicht an der tödlichen Mischung aus Beruhigungsmittel und Alkohol gestorben, sondern erstickt. In der Villa fanden die Ermittler den Angaben zufolge Bilder eines idealisierten Außerirdischen, der für die Gruppe offenbar die höhere Existenzebene verkörperte, die sie durch den Selbstmord erreichen wollte.

    Auch Applewhite entmannt

    Auch der 65jährige Applewhite, der Anführer des Kultes, hatte sich bereits vor Jahren entmannen lassen. Die Zeitung "Washington Post" meldete am Samstag, Applewhite habe sich Anfang der 70er Jahre in psychiatrische Behandlung begeben, nachdem er wegen einer homosexuellen Affäre mit einem Studenten seine Stellung als Musikprofessor an der Universität Houston verloren habe.

    Während eines Krankenhausaufenthalts lernte Applewhite die Krankenschwester Bonnie Lu Trusdale Nettles kennen. Gemeinsam gründeten sie 1975 den Ufo-Kult. Ihre Anhänger riefen sie auf, Familie und Besitz aufzugeben, um sich auf das Erreichen der "nächsten Stufe" vorzubereiten. Die Gruppe verschwand im Laufe der Jahre aus dem Licht der Öffentlichkeit. Nettles starb 1985 im Alter von 57 Jahren an Krebs. Erst 1993 erschien eine ganzseitige Anzeige in der Zeitung "US Today", in der Applewhite die Rückkehr des Ufo-Kults bekanntgab. Werbevideos kündeten von der Suche nach Unsterblichkeit.

    Kleidung und Haarschnitt betonten androgyne Erscheinung

    Die Mitglieder von Heaven's Gate (Himmelspforte) kleideten sich in weite schwarzen Hemden und hatten alle den gleichen Kurzhaarschnitt, was ihnen ein geschlechtsneutrales Erscheinungsbild verlieh. Einige trugen bunte, dreieckige Aufnäher auf den Hemden. Auf ihrem Anwesen bei San Diego entwarfen sie Internet-Seiten für die Kunden ihrer Firma Higher Source. Einige Kunden berichteten, die Mitarbeiter hätten sich mit Bruder oder Schwester angeredet und sich selbst als Mönche betrachtet. Mit einem Ufo im Schweif des Kometen Hale-Bopp wollten sie nun offenbar die Welt verlassen.

    Der Fernsehsender CNN und das Nachrichtenmagazin "Newsweek" berichteten unterdessen, Applewhite habe seine Anhänger davon überzeugt, daß er im Sterben liege. "Wenn er gegangen ist, bleibt mir auf der Erde nichts mehr. Es gibt keinen Grund, einen Moment länger hierzubleiben", zitierte CNN ein weibliches Sektenmitglied, das sich auf einer von dem Sender eingesehenen Computerdiskette geäußert hatte.

    Dick Joslyn, der seit 15 Jahren der Sekte angehört, sagte, der Massenselbstmord sei mit dem der Davidianer in Waco im US-Staat Texas oder der Volkstempel-Sekte in Guyana nicht zu vergleichen. Es seien keine Kinder betroffen gewesen und es habe keine gewaltsamen Tötungen gegeben. "Jeder hat es aus eigenen Antrieb gemacht. Nach jedem Schritt gaben die Führer uns die Möglichkeit, weiterzugehen oder auszusteigen", erklärte Joslyn. Auch andere ehemalige Sektenmitglieder betrachteten das Geschehen nicht als Massenselbstmord. Nick Cooke, dessen Frau unter den Toten ist, erklärte am Sonntag, sie habe "ihre Hülle abgestreift" und sei in einen besseren Körper übergewechselt. "Das ist eine Weiterentwicklung", sagte er. Foto: Reuter


    Letzte Änderung: 08.04.1997 18:14 von aj