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Major versucht den geordneten Rückzug

London (dpa) - Aus dem Wahl-Desaster, das kein britischer Konservativer in diesem Ausmaß erwartet hatte, versucht Parteichef John Major den geordneten Rückzug anzutreten. Der Politiker erklärte seinen Rücktritt von der Parteiführung, als der politische Scherbenhaufen nach der Wahl unerbittlich ausgeleuchtet wurde. Wenn sich die Wogen der Erregung über das schlechteste Konservativen- Ergebnis seit Generationen geglättet haben, solle ein anderer den Neuanfang versuchen, bot er an. Sein Stellvertreter in der Regierung, Michael Heseltine, und sein Schatzkanzler Kenneth Clarke wurden am Freitag am häufigsten als mögliche Nachfolger genannt.


Mit den Worten "Wenn jeder in der Partei so unermüdlich gekämpft hätte und wenn viele Parteifreunde ihm das Geschäft nicht so schwer gemacht hätten, stünden wir heute besser da", verteilte noch in der Nacht Konservativen-Generalsekretär Brian Mawhinney Lob und Tadel. Der Abgeordnete, der sein Mandat behielt, versuchte damit noch bis zuletzt, seinen Boß zu schützen. Den Partei- und Regierungschef der letzten sechseinhalb Jahre allein dafür verantwortlich zu machen, daß alle politischen Träume zerplatzt sind, wäre auch ihm zu einfach.

"Euroskeptiker"

Die Kritik des Parteiorganisators richtete sich vor allem gegen die als "Euroskeptiker" bekannt gewordenen Kritikaster und Nörgler unter den Tories. Auch die sogenannte Tory Reform Group liberaler Konservativer sah den Feind der Parteieinheit auf der rechten Seite. "Die Niederlage der Konservativen war völlig überflüssig. Sie kam nur durch den Betrug der Rechten zustande", tönte sie, wenn auch wohl zu sehr vereinfachend. Der Angriff der lange schweigsam gebliebenen Gruppe ließ die anderen Ursachen der Niederlage außer acht, auf die Nicht-Konservative schon seit Wochen hingeweisen hatten: Vertrauensbruch durch politische Kursänderungen, Entfremdung von den Wählern und viele Skandale um Sex und Bestechlichkeit.

Wie schnell der Ruhm vergeht . . .

Daß profilierte Parteirechte große Chancen im Führungskampf haben, wollten Polit-Analytiker in ersten Betrachtungen am Freitag ausschließen. Ein Teil von ihnen ist dem "großen Schlachtfest" der Wahl zum Opfer gefallen, als die Fraktion der Konservativen auf die Hälfte schrumpfte. Politisch Überlebende wie Ex-Innenminister Michael Howard oder Majors früherer Herausforderer John Redwood finden in der Öffentlichkeit weniger Rückhalt denn je.

Wie schnell der Ruhm vergeht, wurde Major offenbar, als schon am Morgen nach der schlimmen Nacht auch im Londoner Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud der dortige "Major" seinen prominenten Platz für einen "Tony Blair" räumen mußte. "Politik ist ein hartes Geschäft", hatte der Parteiführer kurz vorher noch gesagt. Für ihn aber hatte der Abschied von der Spitze auch seine guten Seiten. Noch am Tage der Rücktrittserklärung ließ er sich als Zuschauer beim Match seines favorisierten Cricket Teams Surrey anmelden.
Von Edgar Denter, Fotos: Reuter, dpa



Letzte Änderung: 03.05.1997 00:02 von aj