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Nachbericht Doppelsitzer ------------------------ Zweites Gold im Doppelsitzer

Krauße/Behrendt: "Beim Bier sieht man sich wieder" Ende einer Sportler-Ehe / 16 Jahre zusammen: "Gesucht und gefunden"

von Dieter Hennig

Nagano (sid) Die letzte gemeinsame Schlittenfahrt nach 16 Jahren endete für Stefan Krauße und Jan Behrendt zuerst auf dem Olymp und später im Bierzelt auf "heimatlichem Boden". Mit der zweiten Goldmedaille nach 1992, neben Silber 1988 und Bronze 1994, verabschiedeten sich die beiden 30jährigen Oberhofer in Nagano als erfolgreichstes Rodel-Doppel aller Zeiten in den sportlichen Ruhestand.

Beschlossen und begossen wurde der denkwürdige Tag um Mitternacht im "Thüringen-Zelt" mit den "Vorfahrern" Silke Kraushaar (Gold), Georg Hackl (Gold), Barbara Niedernhuber (Silber), Jens Müller (Bronze). "In Zukunft sehen Stefan und ich uns sowieso vor allem beim Bier wieder, wir wohnen ja im selben Ort", freute sich "Untermann" Behrendt (1,68 m, 70 kg) auf die Zeit nach dem Sport.

Sie hatten sich bei der Einschulung vor 24 Jahren erstmals getroffen und seitdem wie Pech und Schwefel zusammengehalten: "Wir haben uns gesucht und gefunden", erinnert sich "Pilot" Krauße (1,86 m, 90 kg) noch gut. "Auch wenn man es uns nicht ansieht, wir sind beide zurückhaltende Typen und vom Temperament her sehr ähnlich."

1978 kamen sie zum Rodeln, 1982 stiegen sie gemeinsam in den Doppelsitzer um. Stefan Krauße: "Wir hatten fast nur gute Zeiten." Schon im zweiten Senioren-Jahr holten sie in Calgary Silber, vier Jahre später Gold. "Beide Olympiasiege waren gleich schön, aber dieser letzte war schwerer. Die zwei US-Doppel haben uns alles abverlangt."

42 Hundertstel Vorsprung hatten die Deutschen im ersten Lauf herausgefahren. Jan Behrendt: "Wir waren ganz locker. Als dann beide US-Schlitten im zweiten Durchgang Bahnrekord fuhren, hat uns das nicht geschockt. Dazu waren wir zu lange im Geschäft." Doch in Kurve sechs unterlief ihnen "ein kapitaler Fehler" (Krauße), aus dem sie sich nur durch ihre ganze Routine retteten.

Wie das geht? Jan Behrendt: "Ich sehe unten zwar etwas weniger als Stefan, aber dafür spüre ich durch den Druck mehr. Viele meinen ja, daß nur der Obermann steuert, doch das stimmt nicht. Jeder von uns hat die Füße an den Kufen."

So jagten sie nach 1.194 Metern mit 22 Hundertstel vor Chris Thorpe/Gordy Sheer durchs Ziel, den Vizeweltmeistern von 1995/96, und 0,112 Sekunden vor den Aufsteigern der Saison, Mark Grimmette und Brian Martin. "Es sind die ersten olympischen Rodelmedaillen für die USA", freute sich Thorpe. "Wir werden zu Hause nun sicher nicht wie Alberto Tomba gefeiert, aber das tut dem Sport gut."

Nur die nächsten Plätze blieben den Kufsteiner Cousins Tobias und Markus Schiegl (Österreich) als Weltmeistern 1996 und 1997, sowie den Südtirolern Kurt Brugger und Wilfried Huber nach ihrem Gold von 1994. "Wir gönnen es den Amerikanern von Herzen, sie hatten in den letzten Jahren oft Pech", gratulierte Behrendt.

Die Winterberger Steffen Skel und Steffen Wöller mußten bei ihrer Olympiapremiere froh sein, noch Platz acht erreicht zu haben: "Sie haben vor dem ersten Lauf ihren Schlitten völlig falsch geschliffen. Als ich es merkte, war es schon zu spät", schüttelte Bundestrainer Thomas Schwab den Kopf.

Was Stefan Krauße und Jan Behrendt mit ihrem Schlitten machen, steht noch nicht fest: "Anfragen gibt es genug, aber vielleicht kommt er auch an die Wand." Sie hatten ihn zu Saisonbeginn bei FES Berlin bauen lassen, weil sie beim Weltcup 1997 in der Spirale von Nagano weit hinten gelandet waren: "Aber darunter haben wir unsere alten Kufen montiert."

Nun trennen sich die Wege der beiden Junggesellen, die über ein Jahrzehnt fast wie siamesische Zwillinge waren. Bis sich Jan Behrendt zur Ausbildung zum Bankkaufmann entschloß, während Stefan Krauße als gelernter Schlosser bis 1999 weiter bei der Bundeswehr bleiben wird, danach aber gern bei der FES die "Schlitten der Zukunft" mitentwickeln will.

Zum Ende einer Sportler-Ehe war sogar IOC-Präsident Samaranch an die Olympiabahn gekommen. "Es war eine schöne Zeit, aber jetzt gibt es keine sportlichen Ziele mehr", blickte Deutschlands Traumpaar der Eisröhre ohne Wehmut zurück. "Manchmal hat es uns geärgert, daß die Einer-Fahrer mehr im Blickpunkt standen, aber zu Zweit ließ sich das ganz gut verkraften." sid dh lo

Letzte Änderung: 13.02.1998 13:57 von jp