IVWPixel Zählpixel

Der Tag danach:

ICE-Reisende sind verunsichert

München/Nürnberg - Im Intercity-Express 884."Wilhelm Conrad Röntgen" von München nach Hamburg herrscht am Donnerstag morgen gedämpfte Stimmung.

Viele der Fahrgäste sind mit ihren Gedanken bei dem schweren Unglück auf der gleichen Zugverbindung, bei dem am Tag zuvor im niedersächsischen Eschede vermutlich mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen sind. "Ich bin sehr erschrocken, denn ich saß ja morgens auch in dem ICE, bin aber zum Glück schon in Augsburg ausgestiegen", erklärt eine 50jährige. "Ich habe mich gefragt, was mit den Menschen geschehen ist, die ich morgens noch im Zug gesehen habe."

"Das wäre mein Zug gewesen"

Der Katastrophe entgangen ist Klaus Koller. Der 33 Jahre alte Ingenieur aus Regensburg wollte am Mittwoch eigentlich mit dem Unglückszug nach Hamburg fahren. Doch der berufliche Termin wurde kurzfristig um einen Tag verschoben. "Ich habe es zunächst gar nicht registriert, daß das mein Zug gewesen wäre. Das war Schicksal." Der Techniker will zunächst abwarten, was als Unglücksursache ermittelt wird, bevor er über die Sicherheit des rasend schnellen Gefährts urteilt. "Es ist ein komisches Gefühl, heute in diesen Zug einzusteigen", räumt er ein.

"Jeder wollte wissen, wie es mir geht"

Zerstörte Abteil-Sessel im Unglücks-ICE

Mit einem mulmigen Gefühl sitzen auch viele andere Reisende an diesem Morgen hinter ihren Zeitungen, sehen die schrecklichen Bilder und lesen von der Katastrophe. "Es ist schon eigenartig, jetzt in dem gleichen ICE zu sitzen, obwohl ich mir sage, so etwas passiert eigentlich nicht zweimal hintereinander", sagt eine 33jährige Münchnerin. Sie fährt an jedem Werktag mit dem ICE 884 von München nach Nürnberg. "Nach dem Unglück hat ständig mein Telefon geklingelt. Jeder wollte wissen, wie es mir geht. Ich habe dann meine Eltern verständigt und bin gar nicht mehr ans Telefon gegangen", berichtet die Biotechnikerin.

Bahnangestellte tragen Trauerbinden

Auch an den Bahnangestellten ist die Katastrophe nicht spurlos vorübergegangen. Sie tragen Trauerbinden am Arm. "Das schüttelt man nicht so einfach ab, das bedrückt einen schon", sagt ein Zugbegleiter. "Man hofft eben, daß sowas nie passiert." Ein anderer ICE-Bediensteter beschreibt die Gefühle vieler seiner Kollegen: "Man schiebt die Gefahr immer so weit von sich."

"Laß uns nicht fahren!"

Manche Fahrgäste hätten am liebsten ganz auf die Zugfahrt verzichtet. "Ich habe spontan gesagt: Laß' uns nicht fahren", berichtet eine 40jährige, die mit ihren beiden Kindern und ihren Eltern auf dem Weg nach Sylt ist. "Aber wir haben ja fest gebucht. Der Urlaub wäre sonst futsch", erklärt ihr Vater. Die Nacht hätten sie alle kaum geschlafen. Seiner zwölfjährigen Enkeltochter ist der Schock noch am blassen Gesicht abzulesen: "Wir fahren mit dem gleichen Zug, zur gleichen Zeit, wir werden auch entgleisen", beschreibt sie ihre ersten Gedanken, als sie von dem Unglück erfuhr.

Erste Diskussionen über Sicherheit

Auch die Sicherheit der Hochgeschwindigkeitszüge ist ein Thema im ICE. "So sicher wie sie tun, ist es bestimmt nicht", meint ein 35 Jahre alter Werbeberater aus Nürnberg. Er ist davon überzeugt, daß technisches Versagen die Ursache für das Unglück war. Der internationale Wettbewerb unter den Super-Schnellbahnen lasse möglicherweise auch unausgereifte Technik zum Zug kommen. Die Unsicherheit ist groß und hat wohl einige von der morgendlichen Zugfahrt abgehalten. Nach Angaben eines Schaffners ist der ICE 884 an diesem Morgen wesentlich spärlicher besetzt als sonst.

"Der Zug trägt den gleichen Namen"

Ein Münchner Ehepaar, das auf dem Weg in den Urlaub ist, stört sich daran, daß der Zug am Donnerstag den selben Namen hat wie der verunglückte. "Wir haben doch auch nur einen, unverwechselbaren Namen", sagt der 55jährige Münchner. Seine Ehefrau sitzt fast ängstlich auf ihrem Platz am Fenster: "Ich hoffe, daß wir heil ankommen - aber das haben die Menschen gestern sicher auch gedacht." Patrick T. Neumann und Matthias Röder, dpa - Fotos: AP, Reuters

Letzte Änderung: 04.06.1998 19:42 von ar
Navigations-Seite: RZ-Online auf einen Blick Homepage des Tages Nachrichten aus aller Welt Newsticker mit dpa-Kurzmeldungen Aktuelle Wetter-Vorhersage Haitzinger-Karikatur Leserbrief schreiben Zur aktuellen Homepage Navigations-Seite: Alles auf einen Blick Zum Anfang dieser Seite und zu weiteren Links Leserbrief schreiben Zur aktuellen Homepage