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12: Strom-Mythos

1: Vom Schauer der Ruinen ergriffen

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Nobel bis schrullig: Engländer vor einer Ruine - eine Karikatur von "Lerche", 1858

Sagenhaft, schauerlich, düster: So liebten es die Engländer. Und wo wurden ihre Gruselträume erfüllt? Wo gab's die dazu passende wilde Landschaft, den Fluss, das enge Tal, Ruinen? Nur am Rhein.

Diese Engländer sorgten dafür, dass die Rheinromantik - der Begriff wurde vor 200 Jahren geboren - zur Massenbewegung wurde. Nach der Einstiegsgeschichte vom vergangenen Samstag im Journal unserer Zeitung starten wir heute eine Serie zum Thema. Folge 1: Die Engländer rollen an.

Eine Engländerin namens Mrs. Trollope erinnert sich: "Wie der Landmann den Regen, wie der Fischer den Heringsschwarm", so erwarteten die Rheinländer im vorigen Jahrhundert Touristen der britischen Inseln. Der Fluss, die Landschaft, alte Kirchen, Schlösser und Ruinen reizten sie ungemein. Man sprach von einer regelrechten "Geographical Panic". Zollbeamte, die Pässe abzeichneten, hatten laut Erinnerungen von Mister Thomas Hood (siehe auch "im Detail" auf dieser Seite) "kaum Zeit, eine Prise Schnupftabak zu nehmen" - und in vielen Hotels verdrängte die Büste der englischen Königin Victoria diejenige des Landesherrn.

"Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel"

So recht fassen konnten die Rheinländer die Schwärmereien der schrulligen britischen Gäste ganz und gar nicht. Warum zeigten die sich so wild nach kaputtem Gemäuer, warum waren die so fasziniert von Ruinen? Man stellte so seine Überlegungen an über die rückwärtsgewandte Denkungsart, über eine im Naturell verankerte Neigung zum Antiquarischen, zum Interesse an (mittelalterlicher) Geschichte und Dichtung. Stimmungslage: "Gothic Mood" - Schauerliches und Melancholie waren hoch im Trend. Goethe brachte es in der Walpurgisnacht (Faust II) auf den Punkt. O-Ton Mephisto: "Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel, / Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen, / Gestürzten Mauern, klassisch- dumpfen Stellen; / Das wäre hier für sie ein würdig Ziel."

Frankenstein lässt grüßen

Aber bitte: Schon um 1760 hatte die englische Literatur Stimmungslagen, "neues" Denken in Worte gefasst. Ossians düstere Natur- und Landschaftsschilderungen, Sternes "Empfindsame Reise" sind Beispiele hierfür. Und dann kamen die Ritter-, Räuber- und Schauerromane in Mode. Paradebeispiel: Mary Shelleys in der Romantik fußende "Frankenstein"- Figur von 1818. Da blühen die Nachtseiten des Lebens voll auf. Im gleichen Jahr, als das berühmte Monster geboren wurde, erschien dessen Erzeugerin am Rhein (so in Mainz). Und beschrieb den "paradiesischen Fluss".

Die erste große Reisewelle erlebte das mystifizierte Flusstal zwischen 1770 und 1800. Doch nicht nur die Engländer waren gierig nach Rhein und Wein. Auch Italiener oder Niederländer marschierten in Scharen an. Bekannt wurde die in Briefen verfasste Reisebeschreibung eines Aurelio de`Giorgi Bertola (1787). Schwärmerisch genießend, dehnte der Italo- Tourist die Route, die er locker in drei Tagen hätte bewältigen können, auf zehn Tage aus. Die bizarren Formen der von Bergen eingesäumten Ufer mit ihren "Baumkaskaden" sind für ihn Ausdruck einer verspielten Natur, und das "Schreckliche" und "Furchtbare" zerstörter Bauwerke koppelt sich an Gruselgeschichten und hoch im Kurs stehenden Ruinenrummel.

Auf Lord Byrons Spuren

Nach der Abdankung Napoleons ging es erst richtig rund. Im Frühling 1816 schrieb Lord Byron auf seiner Fahrt rheinaufwärts jene Zeilen seines "Childe Harold" nieder, die in die Weltliteratur eingingen und zu den Höhepunkten der Rheinpoesie zählen. Diese Verse hatten englische Touristen, die auf des Dichters Spuren den Rhein bereisten, im Gepäck. Da Reiseführer und Bildwerke stark gefragt waren, zog es Maler, Vedutenzeichner, Stahlstecher an den deutschen Fluss. Bekannteste Namen: William Turner, Clarkson Stanfield. Es wurde nicht nur geschwärmt. Es wurde auch geklagt. Zum Beispiel über Schiffskapitäne, die waghalsige Manöver absolvierten. Über schlechte Straßen, über die Ausbeutung der Reisenden durch Zollgebühren, über Passagekosten und gewinnsüchtige Hoteliers (die machten damals prächtige Gewinne). Auch zu kurze Bettgestelle in Wirtshäusern missfielen so manchen hochgeschossenen Briten.

Es gehörte einfach zum guten Ton, die Flusslandschaft bereist

Die Engländer spielten also die zentrale Rolle bei der Entdeckung des Rheins, der Begründung der Rheinromantik. Es gehörte einfach zum guten Ton, die Flusslandschaft bereist, beäugt, "gefühlt" zu haben. Auch Bäder und Spielsalons standen hoch im Kurs. Ein gefundenes Fressen für Satiriker, die mit spitzem Stift Lord Byron & Co. auf ihren Exkursionen begleiteten.

Alle zeigten sich "happy", als die industrielle Revolution von England aus auch am Rhein förmlich Dampf machte. Eine von James Watt erfundene Maschine trieb 1817 das erste Flussboot an. Die Preußisch- Rheinische- Dampfschiffahrtsgesellschaft ermöglichte es ab 1827, die Strecke Köln- Mainz in 83 Stunden zurückzulegen; 1853 verkehrte dann endlich die Weiße Flotte ("KD") auf dem Rhein. Das Tal wurde außerdem von der Eisenbahn erschlossen. Die Zeiten, als es noch zwei bis drei Wochen dauerte, um von einer Domstadt zur anderen zu gelangen, waren endlich vorbei.

Wolfgang Kroener


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Zuletzt geändert am 1. Februar 2002 17:08 von to

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