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RZ-Serie

Tourismus/Tipps

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Grußkarten


1: Oh Ruinen!

2: Loreley-lei-lei

3: Chef Brentano

4: Bettine - fliege!

5: Goethes Lust

6: Liebestod

7: Wilder Schlegel

8: Vicomte Hugo

9: Liebe Revoluzzer

10: Dichterkönigin

11: ...und Gesang

12: Strom-Mythos


11: Nicht nur r(h)einstes Vergnügen

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Wein, Weib und Gesang zwischen Ruine und Fluss: In Caspar Scheurens "Lustige Rheinfahrt" von 1839 lebt der alte Mythos.

Der Fluss der Dichter, der bildenden Künstler und Musiker - unser Papa Rhein animierte immer wieder zu besonderer Kreativität, zu Sang und Sagen, zu schwelgerischer Lyrik und mondbeschienenen Landschaftsidyllen. Um die etwas andere, die nicht glorifizierende, sondern kritisch gehaltene
(Rh)einsicht geht es in dieser Folge.

Die englischen Touristen haben ihn bekanntlich über alles geliebt, Maler vom Schlage Turner oder Stansfield zeichneten den mythosbehafteten Fluss hundertfach. Auch unsere heimischen Romantiker entdeckten das Mittelrhein- Tal zwischen Rolandsbogen und Mäuseturm, zwischen Rebenhügeln, Ritterburgen und Ruinen, zwischen Kirchen und Kapellen. Mythos und Realität: Der Verkehr rollte an - auf Schienen, Straßen, im Fluss. Tourismus brachte nicht nur Segen, sondern auch Zerstörung. Schornsteine, Fabriken, ein Atomkraftwerk störte das Landschaftsbild gehörig, sorgte für große ökologische Probleme. Der Rhein, das reinste Vergnügen? Passé. Fotografen, Maler, Autoren zeigten, beschrieben eine übelst riechende Kloake, die ein großes Fischsterben verursachte. Irgendwie ging das einstige Faszinosum speziell im 20. Jahrhundert mehr und mehr den Bach herunter.

"O du wunderschöner deutscher Rhein"

Der Flussgott, ein blind romantisierter Vater Rhein, wurden mehr oder minder milde belacht, aufs Altenteil gesetzt, in Rente geschickt. Nur in Schunkelwalzern, in Karnevalsliedern wurden Klischees intoniert und Nostalgie in Noten gefasst, reimte sich weiter Rhein und Wein, erschien der gute alte Vater in alter Frische. "Ich hab' den Vater Rhein in seinem Bett geseh'n. Ja das war wunderschön . . ." Wein, Weib und Gesang dienen bei Festen, in Lokalen der Drosselgasse, auf Schiffen als Stimmungsgaranten. "O du wunderschöner deutscher Rhein", "Warum ist es am Rhein so schön" klingt's bis heute aus Tausenden von Kehlen.

Dunkel und schwermütig

Für Heinrich Böll hatte der Rhein keine Romantik mehr, er beschrieb ihn als "dunkel und schwermütig". Autor Jürgen Becker konstatierte: "Das Element des Flussgottes war nie ein sauberes, harmloses, friedvolles; die Geschichte des Wassers erzählte immer eine Geschichte der Gewalt." Als Frankreich den Rhein wieder einmal als natürliche Grenze forderte, entstand Max Schneckenburgers "Die Wacht am Rhein" (1840), das zum Schlagwort wurde, wenn immer es um Deutschlands Westen ging. O-Ton: "Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall: zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein, wer will des Stromes Hüter sein? Lieb Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein." Aus demselben Anlass entstand Nicolaus Beckers "Der deutsche Rhein". Darin vereinigt: das Politische und das Romantische, die Absage an Frankreich und die Rheinklischees.

Völker, vermischt wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen

Carl Zuckmayer fand in "Des Teufels General" die eindrucksvollste Formulierung für die verbindende Funktion des Rheins: Da war ein römischer Feldhauptmann, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet." Griechischer Arzt, keltischer Legionär, schwedischer Reiter, Soldat Napoleons, desertierter Kosak, wandernder Müllersbursch vom Elsass, holländischer Schiffer, Magyar, Pandur, Offizier aus Wien, französischer Schauspieler, böhmischer Musikant . . . - sie alle kamen und gingen. Vermischt haben sich hier die Völker, vermischt wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem, großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.

Jürgen Becker: "Der ruhige Müll dümpelt im Öl unten längs"

Kritische Töne schlägt ein Karl Valentin an, er travestiert: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / das Lied wird mir jetzt schon bald fad!" Auch Wolf Biermann schreibt nach Tonart Heinrich Heine eine moderne Loreley. In der "Ballade von Leipzig nach Köln" scheitert ein DDR- Mädchen an einem untreuen BRD-Liebhaber: "Der Rhein fließt unter den Brücken hin / Das Wasser voll Öl und Ruß / Die Lorelei stürzt in den Rhein / Damit sie nicht singen muß."

Erich Kästners Turner stirbt beim "Handstand auf der Loreley" nicht wegen der schönsten Jungfrau vom Felsen, sondern an Heines Versen: "Da trübte Wehmut seinen Turnerblick. / Er dachte an die Loreley von Heine. / Und stürzte ab. Und brach sich das Genick." In seinen Kölnimpressionen von 1964, unter dem Titel "Felder" erschienen, schreibt Jürgen Becker: "Der ruhige Müll dümpelt im Öl unten längs."

Was soll es bedeuten?

Rhein- Romantik perdu!? Und doch klingeln diese Verse von Joachim Ringelnatz im Ohr, im Gemüt: "Du hast so oft das deutsche Herz gerührt / Und aus des Tages arbeitstrockner Schwüle / Hinauf, ins grenzenlose, gnadenkühle, / Ins unbestimmte Wunderland geführt. / Komm oft zu mir, du schlichte Melodie, / Und gräm dich nicht, wo Dünkel dich verlacht. / Mir ist es stets, als ob die Poesie / Vor deinem Zauber neu im Volk erwacht."

Ja, ja, ich weiß nicht, was soll es bedeuten - dieses Märchen aus uralten Zeiten geht einem einfach nicht aus dem Sinn.

Wolfgang Kroener


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Zuletzt geändert am 19. Maerz 2002 13:08 von tea

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