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Grußkarten


1: Oh Ruinen!

2: Loreley-lei-lei

3: Chef Brentano

4: Bettine - fliege!

5: Goethes Lust

6: Liebestod

7: Wilder Schlegel

8: Vicomte Hugo

9: Liebe Revoluzzer

10: Dichterkönigin

11: ...und Gesang

12: Strom-Mythos


2: Loreley - Wie ein Fels zum Mythos avancierte

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Verführerische Lore: Gemälde von Wilhelm Kray (um 1875). Das Bild hängt im Museum Wiesbaden.

Wenn ein Jahr lang der 200. Geburtstag der Rhein- Romantik gefeiert wird, dann steht eine Figur im Mittelpunkt, die es eigentlich gar nicht gibt: die Loreley.

Es ist schlicht und einfach das Hirngespinst eines Dichters namens Clemens Brentano. Doch dieses blondgelockte Fantasieprodukt wurde zur Galionsfigur einer gigantischen Bewegung. Vor 1800 war da nur ein Fels im Fluss. Und nun wuchs am Ufer von Stromkilometer 554 ein mächtiger Mythos.

Kameras im Anschlag, Videogeräte in Position gebracht, alle Blicke gen Schiefermassiv gerichtet. Ein mit Touristen voll gepacktes Schiff passiert. Aus den Bordlautsprechern dröhnt "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten". Jene von Friedrich Silcher vertonte "Loreley" stammt aus der Feder von Heinrich Heine und avancierte nach 1823 zu einer Art Nationalhymne. Das Lied erklingt, das Schiff zieht einen weiten Bogen. Und kaum jemand plappert noch; manche singen, viele summen die Melodie mit - immer aufs Neue, immer wieder, wenn ein "Dampfer" diese gewisse Örtlichkeit erreicht. (Trauer- )Gefühle kommen auf, Melancholie, eine wie magisch erzeugte Rührung lässt sich aus Gesichtern ablesen. Einige, meist jüngere Zeitgenossen, grinsen spöttisch und können sich diesen Satz nicht verkneifen: Ist das hier wirklich alles? Oh, dieser Kitsch: Ich weiß nicht, was soll er bedeuten . . .

Stoff für Mystifizierung und Legendenbildung

Das ist wirklich alles, das ist Romantik in R(h)einkultur, die niemand vom Kopf her erklären kann. Ein 132 Meter hoher Felsen, von den Urgewalten der Erde aus den Tiefen des devonischen Meeres ganz nach oben geschoben, den 113 Meter breiten, sich schlängelnden Fluss überragend - Ende. Und Anfang. Wie sich das halt so oft mit Mythen verhält: Sie kommen aus dem Inneren, packen das Gemüt. Was mag sich ein Clemens Brentano wohl dabei gedacht haben, als er dem steinernen Koloss einst (s)eine Stimme verlieh, "ihn" im Jahre 1800 zur "sie" verwandelte, quasi personifizierte und zwei Jahre später im Roman "Godwi" ("Zu Bacharach am Rheine") veröffentlichte? Nun: Bestimmt war er sich sehr genau über die Bedeutung der Worte im Klaren: "Lore", das Wort kommt ursprünglich von "loren" oder "luren" = "summen", "rauschen". "Ley" heisst der (Schiefer- )Fels. Und dann kannte er natürlich die knallharten Fakten: Hier zwängt sich der Rhein durch die (auch wegen seines Echos berühmte) engste und tiefste Stelle seines Flussbetts. Felsklippen und Strudel machten die Schifffahrt noch bis ins 19. Jahrhundert hinein zu einem gewagten Abenteuer. Genug Stoff für Mystifizierung und Legendenbildung.

Grundthema für Geschichten, Gedichte, Lieder, Schlager, Opern, Ballette

WÖRTLICH:
"Der Sagenschatz ist der größte Schmuck des Rheins: Sagen und Lieder, die schönen Lieder, mit denen Deutschlands Dichter hier den meergrünen, herrlichen Strom besungen haben, sind dessen größte Schönheit."
Hans Christian Andersen (1805-1875) in seiner Autobiografie "Märchen meines Lebens"

"Zu Bacharach am Rheine wohnt eine Zauberin, /Sie war so schön und feine/ Und riss viel Herzen hin" - ihr Name: "Lore Lay". Um es einmal salopp auszudrücken: Pech hatte die Schöne mit der Liebe, nahm sich die Untreue des Verehrten so sehr zu Herzen, dass für sie nur noch ein Ausweg übrig blieb: runter vom Felsen, rein in den Rhein, in den sicheren Tod - mit ihr strudelten drei Ritter. Das war das Grundthema, das fortan x- fach abgewandelt, für Geschichten, Gedichte, (Schunkel- )Lieder, Schlager, Opern, Ballette, Ouvertüren und dann auch für Filme aufbereitet wurde.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

Bei Heinrich Heine kämmt Lore mit goldenem Kamm ihr goldenes Haar, lockt "mit wundersamer, gewaltiger Melodei" die Aufmerksamkeit, die Blicke der Schiffern an. Diese armen Kerle überfällt die Halsstarre, sie übersehen dabei gefährliche Felsriffe. Und: "Die Wellen verschlingen am Ende Schiffer und Kahn. Und das hat mit ihrem Singen die Lore- Ley getan." In Joseph von Eichendorffs "Waldgespräch" mutiert "die schöne Braut" zur "Hexe Loreley". Erich Kästner schickt einen Kerl Richtung Fee und Felsen; Wehmut trübt ihm den klaren Blick, unser Herr unternimmt einen Handstand: "Er dachte an die Loreley von Heine. / Und stürzt ab. Und bricht sich das Genick." Bleicher Mondenschein; dort oben die Dame mit Leier, unten fährt ein Schiffer vorbei, der sich spontan verliebt. Doch Blondchen spült Illusionen weg: "Ich hab keine menschliche Seele, / ich leb nur als Märchen dahin". Oder: "Ich singe und zupfe die Harfe, / ich wüßt ja net, was i sonst tat, / ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / das Lied wird mir jetzt schon bald fad!"

Loreley - Femme fatale

Recht hat er: Keine Dame, kein romantisches Motiv ist wohl so sehr mit Plattitüden umgeben, mit Schwulst und Pathos zugezuckert worden, im Klischee versunken, wie diese Femme fatale. Ein Massenartikel ist's, gerade genug fürs goldige Souvenirchen im Touri- Shop. Mal lieblich, mal dämonisch, mal zauberhaft, mal melancholisch, schuldig und unschuldig zugleich - ein männermordender blonder Engel. Gut für Sehnsüchte, Sentimentalität, Trauer und Untergangsstimmung. Alles drin, alles dran - alles drum herum. Und, was einst die Engländer lockte, zieht heute Japaner an - der Mythos, das/die große Unbekannte. Nach dem Fudschijama ist der Loreleyfelsen vermutlich inzwischen der meist besungene Berg in Nippon.

Lore hin, Lore her, Lore gut, Lore schlecht - schöne verkitschte, verkorkste, verramschte Lore. Egal wie: Die Sache mit dem Märchen aus uralten Zeiten, die geht einem, die geht niemanden aus dem Sinn. Gestern wie heute.

Wolfgang Kroener


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Zuletzt geändert am 1. Februar 2002 17:42 von to

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