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8: Vicomte Hugo

9: Liebe Revoluzzer

10: Dichterkönigin

11: ...und Gesang

12: Strom-Mythos


8: Wo Gemäuer wispern und raunen

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Victor- Hugo- Denkmal in Bingen - mit Blick auf Rhein, Ruine Ehrenfels und Mäuseturm. Foto: Wolfgang Kroener

"William Turner der Nacht" hat man ihn genannt - mit Vorliebe turnte er bei Mondschein von einer Ruine zur nächsten Burg. "Vicomte Hugo", wie er sich nannte, eroberte die Rheinlandschaft im Sommer und Herbst 1840 als 38- Jähriger mit Schreibfeder, Tusche und Zeichenstift. Sein Buch "Le Rhin. Lettres à un ami" von 1842 wurde zum viel gelesenen Werk.

Die Ehefrau in Paris be dachte Hugo mit nächtlich verfassten Briefen; gleichzeitig hatte er die Geliebte namens Juliette Drouet im Arm, ließ sich die Zeit am Mittelrhein in dieser wie jener Beziehung gut gehen. Reiseliteratur à la Victor Hugo, fiktive Briefe schrieb er an einen Freund. "Der Rhein", so steht's im Vorwort geschrieben, "ist der Fluß, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und den niemand kennt. Dennoch beschäftigen seine Ruinen die geistigen Höhenflüge . . . und dieser bewundernswerte Fluß lässt das Auge des Poeten wie das Auge des Publizisten unter der Durchsichtigkeit seiner Fluten Vergangenheit und Zukunft Europas ahnen."

Wie alle Romantiker erblickte Hugo im Tal der Burgen und Ruinen die verwunschene Kulisse des Mittelalters, den Schauplatz schöner wie schrecklicher Geschichten. Nixen, Elfen, Ungeheuer tummeln sich zwischen Nebel und Dämmerlicht in historischer Architektur; Hugo malt Stimmungsbilder in Farben, in Worten - ganz so wie der berühmte Maler William Turner.

Dunst und Dämmerlicht

Und er füllt die rheinische Sagenwelt mit Leben. Seiner Fantasie lässt er dabei freien Lauf, kombiniert Burgen und Türme, wie's im gerade einfällt; taucht sie in Dunst und Dämmerlicht. Gemäuer wispern und pispern, raunen und erzählen; Ruinen werden Schauerlichkeiten entrissen.

Im heroisierten Rhein verbindet sich für Hugo alles: Er "fließt so schnell wie die Rhone, ist breit wie die Loire, so eng wie die Maas, er schlängelt sich wie die Seine, ist klar und grün wie die Somme, mit Geschichten beladen wie der Tiber, majestätisch wie die Donau, geheimnisvoll wie der Nil, voller Gold wie ein Fluß Amerikas, sagenumwoben wie ein Fluß Asiens." An diese Beschreibung bindet der Pathos- geladene Franzose eine historische Dimension: "Dieser Fluß der Vorsehung scheint auch ein symbolischer Fluß zu sein; er ist sozusagen ein Abbild unserer Zivilisation, der er schon viele Dienste erwiesen hat und noch erweisen wird." Später dann, im Jahre 1871, hält er eine glühende Rede vor der Nationalversammlung seines Landes: "Sind wir eigentlich Feinde? Nein, wird sind Brüder. Wir werden uns zu einem einzigen Volk vereinen, der Rhein gehört uns beiden. Schaffen wir eine Republik, schaffen wir die Vereinigten Staaten von Europa."

Französischer Nationaldichter griff 1840 zu Tusche und Stift

Victor Hugo nimmt jeden kleinen Ort, jedes Denkmal ins Visier. Beschreibt plaudernde Wäscherinnen am Ufer oder Feldpolizisten des Herzogtums Nassau, die einem englischen Touristen 50 Gulden abknöpfen, weil dieser (zu Wellmich bei St. Goarshausen) "eine Pflaume auf dem Felde" pflückte. Hier "das Gekeuche eines großen schwimmenden Hundes", der rauchend vorbeizieht, dort die "Weiber von St. Goar mit ihren himmelblauen Hauben, Soldaten im grünen Leibrock, ein Tambour, der die Trommel unterm Nussbaum schlägt. Preußische Sergeanten ("mit einem Gesicht halb Wolf, halb Hund") marschieren durch Bacharach vorbei an von Ochsen gezogenen Karren, Schiffsgerippe dienen Fischern als eine recht elende Hütte.

Das war einmal: "Ich habe drei Tage in Bacharach verbracht, einer art Pariser Altstadt- Gängeviertel, das hier am Rheinufer sowohl vom guten Geschmack à la Voltaire, von der Französischen Revolution, von den Schlachten Ludwigs XIV. als auch vom Kanonendonner der Jahre 1797 und 1805 und von den eleganten und weisen Architekten, die Häuser wie Kommoden und Sekretäre bauen, ganz vergessen worden ist . . . Zu Bacharach ist ein Besucher ein Ereignis. Der Reisende wird mit staunenden Augen angesehen und verfolgt." Außer Malern mit Ränzlein auf dem Rücken kam keiner in die "alte Feenstadt", "in eine der schönsten und angenehmsten Städte am Rhein - es sieht aus, als hätte ein Riese, der sich einen Trödlerladen am Rhein einrichten wollte, ein Stück Gebirge als Regal benutzt und darauf von oben bis unten mit seinem Riesengeschmack einen Haufen ungeheurer Kuriositäten aufgebaut." Im Vergleich zu Bacharach seien Oberwesel, St. Goar und Andernach "vornehm wie die Rue de Rivoli". Meinte Monsieur Hugo.

Mäuseturm im Visier

"Katz" und "Maus" über St. Goarshausen, da "irrte und kroch" der 1802 geborene und 1885 verstorbene malende Autor herum. In St. Goar päppelte den müd' Getrabten "ein kräftiges deutsches Nachtessen" (gebratene Ente mit Apfelmus oder Konfitüre zum Wildschweinkopf) auf. Ein Sprung nach Bingen: Dort sichtete Hugo die Seele des bösen Mainzer Erzbischofs Hatto in einer "lebenden Höllenflamme" - im berühmten Mäuseturm war eine Schmiede untergebracht. Und er wurde in Mainz gesichtet, wo er am 30. September 1840 den Dom in Augenschein nahm, eine Zeichnung des Glockenturms anfertigte.

Hugo am Rhein, romantischer kann's wohl nicht sein.

Wolfgang Kroener


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Zuletzt geändert am 19. Maerz 2002 13:08 von tea

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